OFFENBARUNG-ONLINE

Sterne —  Patmos-Ikone des Menschensohns - Ausschnitt: Sterne<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchgemeinde.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>53</div><div class='bid' style='display:none;'>17510</div><div class='usr' style='display:none;'>157</div>

Menschensohn<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchgemeinde.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>53</div><div class='bid' style='display:none;'>17505</div><div class='usr' style='display:none;'>157</div>

Schlüssel —  Patmos-Ikone des Menschensohns - Ausschnitt: Schlüssel<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchgemeinde.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>53</div><div class='bid' style='display:none;'>17509</div><div class='usr' style='display:none;'>157</div>

                          IMPULSE UND AUSTAUSCH                          
                          zur Offenbarung des Johannes
                EINFÜHRUNG Ab 22. März 2020 veröffentlichen wir hier Impulse zur Offenbarung des Johannes: Gedankenanstösse, Informationen, Antworten auf Fragen usw. Bei Bedarf veröffentlichen wir hier auch zusätzliche Sacherklärungen.

Das Gespräch findet in einer WhatsApp-Gruppe mit dem Namen »Online-in-die-Offenbarung« statt. Wer möchte, kann daran teilnehmen. Bitte schickt eine kurze Mail mit Angabe Eurer Natel- bzw. Handy-Nummer an Ulrike Bittner (hier), um in die Gruppe aufgenommen zu werden.

Die Gesprächsbeiträge sind nur den Mitgliedern der WhatsApp-Gruppe zugänglich. Auf dieser Internet-Seite werden nur die Impulse und eventuelle Hilfsmittel veröffentlicht.

Zu den Gesprächsregeln gehört:
◉  Wir bleiben unbedingt beim Thema.
◉  Wir schreiben persönlich. Jeder Beitrag beginnt also mit dem eigenen echten Vornamen und dem Anfangsbuchstaben des Familiennamens, z.B. «Christian T.» oder «Marianne W.»
◉  Wir reden bzw. schreiben selbst: also keine Links auf fremde Texte, Videos usw.

Das obenstehende Bild zeigt Offenbarung 1,9-20. Die Ikone ist etwa 2 Meter hoch und hängt in der Grotte der Apokalypse in Patmos. Also an jenem Ort, wo nach der Tradition Johannes die Offenbarung gezeigt bekommen und seinem Begleiter Prochoros diktiert hat. Links: Christus hält die sieben Sterne (also uns als die sieben Gemeinden) in seiner rechten Hand. Rechts: Christus ist es, der die Schlüssel des Todes und des Totenreichs in seiner Hand hält. — Klicken Sie auf die Bilder, damit sie grösser werden.

Wir freuen uns auf den Austausch.

INFORMATIONEN BILDER ZUR APOKALYPSE
Wolfgang schreibt: Edwin fragte nach, ob es weitere Ikonen zur Apokalypse gibt. Ich habe hier zusammengestellt was ich selbst in der letzten Zeit zu den Bildern der Apokalypse gesammelt habe. Den mit Abstand reichsten Zyklus bietet die Bamberger Apokalypse. Darum beginne ich mit ihr.

BAMBERGER-APOKALYPSE – vollständig
vollständige Handschrift (106 Pergamentblätter; 57 Miniaturen, darunter 49 zur Apokalypse. Geschrieben im Kloster Reichenau, ca 1000). Zu finden unter http://digital.bib-bvb.de/view/bvbmets/viewer.0.6.4.jsp?folder_id=0&dvs=1585386376261~423&pid=13423867&locale=de&usePid1=true&usePid2=true
Zu den Bildern findet man am schnellsten, wenn man links bei den drei Sammel-Titeln (Titel, Übersicht, Inhalt) auf Inhalt klickt. Ganz unten erscheint dann der Hinweis ‚Miniaturen‘. Von dort aus sind die einzelnen Miniaturen der Handschrift schnell zugänglich.

BAMBERGER-APOKALYPSE - nur die 49 Bilder der Apokalypse
http://www.johannesoffenbarung.ch/bilderzyklen/bamberger.php
Es handelt sich um dieselben Bilder wie oben. Das sieht nun tatsächlich aus wie ein reichhaltiges Album. Vielleicht etwas praktischer, aber die Qualität scheint mir nicht so gut zu sein. — Das erwähnte Buch, ein grossformatiger Bildband in hoher Qualität mit einer hervorragenden geistlich-theologischen Einleitung in die Offenbarung von Hans Urs von Balthasar, ist schon lange vergriffen. Wer es doch versuchen will: Am besten unter eurobuch.com. Dort werden im Moment einige Exemplare angeboten.

ANDERE BILDZYKLEN (vom Mittelalter bis zur Gegenwart)
sind hervorragend zusammengestellt auf der Seite http://www.johannesoffenbarung.ch/bilderzyklen/
Bedeutend ist der Zyklus von Albrecht Dürer. M.E. hat der Maler der Patmos-Ikone das Bild vom Menschensohn von Dürer gekannt. Die Parallelen sind eindrücklich (vgl. auch das erste Bild der Ottheinrich-Bibel). Der vierte Holzschnitt Dürers illustriert Offb Kapitel 4 (Himmelstür und Thronsaal). Wichtig für die Folgezeit war der Zyklus von Hans Holbein (zu finden unter ‚Zwinglibibel). Für die Neuzeit prägend waren die Darstellungen von Gustav Doré. Da müsst Ihr selbst im Internet auf die Suche gehen.

ORTHODOXE IKONEN DER APOKALYPSE
Die orthodoxe Bildkultur hat merkwürdig wenige Ikonen zur Apokalypse im klassischen Stil hervorgebracht. Ausnahmen sind wohl die beiden Bildzyklen der Athosklöster Dionysiou und Diochiariou. Man findet sie auf der voran zitierten Internetseite.

IMPULSE Dienstag, 31. März 2020
Bitte lest Offenbarung 6.

DIE ERSTEN SECHS SIEGEL – DIE ERSTE KASKADE

Mit diesem Kapitel beginnen die Ereignisse der Endzeit. Der Blick des Johannes geht immer noch in den Himmel. Was hier beschrieben wird, das sind keine irdischen Wirklichkeiten. In unserer Welt werden keine vier Pferde mit Reitern auftauchen. Die Wirklichkeit wird in Bildern anschaulich. Diese Bildsprache ist eines der Kennzeichen apokalyptischen Denkens. Was bedeutet das?

BILDER SIND VIELDEUTIG

Bilder sind grundsätzlich mehrdeutig. Wenn ich zu einem Menschen sage, er sei «meine Sonne», dann ist das ein vieldeutiges Bild. Um es zu verstehen, frage ich danach, was alles in diesem Bild liegt. Die Sonne wärmt mich. Sie ist ein Licht. Sie geht auf, geht aber auch wieder unter. Nach einer Nacht geht sie wieder auf. Sie ermöglicht uns auf der Erde Leben, Wachstum und Fruchtbarkeit. Sie kann aber auch verbrennen, kann zu einem Hitzschlag führen. Sie kann mich mit ihrem Licht blenden … Usw. Das sind lauter einzelne Aspekte, die zusammen ein Ganzes ergeben. Es gibt sicherlich noch viel mehr. Sie sind verschieden, aber sie sind keine Gegensätze. Sie sind aber auch keine freien Phantasien. Sie ergeben sich alle aus dem Bild selbst. Kennzeichen ist, dass sie auch von anderen so wahrgenommen werden können.

In unserem Kapitel tauchen vier Pferde mit ihren Reitern auf. Auch das ist Bildsprache. Was sagen diese Bilder aus? Zur Zeit des Johannes gab es keinen Pferdesport. Pferde gehören zu Eilboten und zum Militär. Ausserdem waren sie damals schon teuer. Gegenüber den Menschen und den damaligen Transportmitteln sind sie unglaublich schnell. … Was liegt sonst noch in diesem Bild?

Die Ereignisse beginnen damit, dass das Lamm die Siegel löst. Auch das ist Bildsprache. Was liegt darin? Vor allem eines: Dass es jetzt losgeht ist kein Unfall, kein Kurzschluss. Es ist auch nicht ein Teil oder das Ergebnis eines Kampfes. So wie das Buch (die Schriftrolle) aus der Hand Gottes in die Hand des Lammes kam, so sieht es auch jetzt aus. Allein das Lamm, das zum Heil der Welt, der Völker und Nationen geschlachtet wurde, löst das aus, was jetzt kommt.

EINE IMMER WIEDERKEHRENDE ABFOLGE

Mit den ersten vier Siegeln, die das Lamm aufbricht, melden sich die vier Wesen. Warum sie? Sie sind die Vertreter der Erde. Was jetzt kommt, das hat mit unserer Erde zu tun. Das zweite, dritte und vierte Pferd bilden eine deutliche Abfolge, die sich in unserer Geschichte immer wieder zeigt. Auf den Bürgerkrieg folgt die Teuerung der Grundnahrungsmittel. Darauf kommt es zu einer Welle des Sterbens durch Terror, Hunger und Seuchen. Im Text gehören dazu auch wilde Tiere, die sich über Menschen hermachen.

Unklar ist, was das erste Pferd mit seinem Reiter bedeutet. Zwei verschiedene Deutungen werden vertreten. Weil das Pferd weiss ist und Jesus in 19,11-16 ebenfalls auf einem weissen Pferd reitet, nehmen viele Ausleger an, dass es sich bei diesem ersten Reiter um Jesus als den Christus handelt. Dass er „sieghaft und um zu siegen“ kommt, wird dann auf eine Art Erweckung, auf die Verbreitung des Evangeliums, auf einen geistlichen Aufbruch gedeutet.

Die andere Deutung meint, es handle sich dabei um eine Art von Globalisierung, die mit „weissem Gewand“, also mit Hoffnung auf weltweiten Aufbruch, die ganze Welt für sich einnimmt. Auf sie folgt dann der Bürgerkrieg. Ich selbst kann dieser Deutung mehr abgewinnen als der ersten, bin aber nicht sicher. Vielleicht aber handelt es sich dabei auch nicht um einen Gegensatz.

DAS WARTEN DER TOTEN AUF AUFERSTEHUNG

Auf das Aufbrechen des fünften Siegels erklingt keine Stimme vom Thron her. Dafür taucht jetzt ein Altar auf, unter dem die christlichen Märtyrer auf die Auferstehung und damit auf das Gericht warten. Sie sehnen sich nach Befreiung und Rehabilitation. „Wie lange …“ Sie erhalten ein weisses Kleid, das Zeichen der Reinheit und des neuen Lebens, das Jesus den Seinen schenkt. Wahrscheinlich dachten die ersten Christinnen und Christen dabei an das Taufkleid. Sie erhalten auch eine Antwort auf ihre Frage, wie lange Gott noch zuwartet. Allerdings: Die Frage „wie lange“ es noch geht wird ihnen nicht beantwortet.

Sie bekommen aber eine Begründung für ihr Warten. Es gibt noch mehr Brüder und Schwestern, noch mehr Zeugen, die ihnen auf dem Weg des Martyriums folgen werden. Hilfreich ist m.E., dazu Hebräer 12,1-3 [eigentlich sollte man mit Kapitel 11,1 beginnen] zu lesen und innerlich vor sich zu sehen. Auch das ist Bildsprache. Die beiden Texte bzw. Bilder stellen sich wechselseitig ins Licht.

KOSMISCHE KATASTROPHEN

Mit dem Aufbrechen des sechsten Siegels wechselt die Szene nochmals. Jetzt sind es gewaltige kosmische Katastrophen, die über die Erde und ihre Menschen hereinbrechen. Eindrücklich ist eigentlich das, was hier nicht geschieht. Die Menschen kehren nicht um, um den Weg zurück zu Gott zu finden. Im Gegenteil. Sie versuchen in einer seltsamen gesellschaftlichen Einmütigkeit, sich vor Gott zu verbergen. Wahrscheinlich ahnen sie, dass das nichts mehr bewirkt.

DIE GESCHICHTE LÄUFT AUF DAS GERICHT ZU

Die Offenbarung bezieht ihre Sprache und viele ihrer Bilder aus dem
Alten Testament. Darum ist etwas sehr klar. Mit Ende des sechsten Siegels ist die Geschichte bei ihrem Ende, also beim Gericht Gottes angekommen. Das mag einem merkwürdig erscheinen, denn die Visionen über die Geschichte und damit das Buch der Offenbarung gehen ja weiter. Wir sind ja erst im Kapitel 6. Und doch ist es so. Das Endgericht wird an so manchen Stellen der Offenbarung „erreicht“. Auch die sieben Posaunen (8,2-9,21) setzen mit dem Anfang ein und führen fast bis zum Ende. Wir werden darauf noch kommen.

KEIN FAHRPLAN – SONDERN BAUSTEINE UND WESENSZÜGE DER LETZTEN ZEIT

Was wir in den Kapiteln 1 bis 22 zu sehen bekommen, das ist keine – oder nur eine lückenhafte – Reihenfolge der geschichtlichen Ereignisse. Darum kann man die Offenbarung auch nicht als eine Art von Fahrplan verstehen.

Es ist vielmehr die Reihenfolge, in der Johannes die einzelnen Bausteine, aus denen sich unsere Geschichte zusammensetzen wird, gezeigt bekommt. Jedoch: Auf die Frage nach der Zeit und der Reihenfolge der Ereignisse werden wir bald ausführlich eingehen.


ZUR BESINNUNG

• Bilder sind grundsätzlich vieldeutig, enthalten also verschiedene Aspekte. Wünsche ich mir eine ‚eindeutigere‘ Sprache?
• Was bedeutet es für mich, dass das Buch (die Schriftrolle) aus der Hand des Vaters kommt, und dass die Siegel vom Lamm wie geschlachtet, also von Jesus Christus, gelöst werden?
• Berühren mich die Seelen der Märtyrer unter dem Altar? Wie weiss ich mich mit ihnen verbunden?
• Was lösen die Bilder der vier Pferde und der kosmischen Katastrophe in mir aus?




Montag, 30. März 2020
Bitte lest Offenbarung 5.


DAS BUCH IN GOTTES HAND

Wir sind immer noch im himmlischen Gottesdienst, dessen Beschreibung in Kapitel 4 begonnen hat. In der rechten Hand dessen, der auf dem Thron sitzt, liegt ein ‚Buch‘. Hier bleiben wir in unserer Betrachtung zuerst einmal stehen. Auf dem Thron sitzt Gott selbst. Wir schauen damit ins Zentrum allen vergangenen, gegenwärtigen und kommenden Geschehens. Dieses Zentrum ist kein abstrakter Ort. Das ist ER, der Gott, der uns mit Namen gerufen hat und zu dem wir gehören. Seine rechte Hand ist die Hand, mit der er regiert und mit der er Menschen in Not errettet. Modern könnte man sagen: Was jetzt geschieht, das ist „alleinige Chefsache“.

Beim erwähnten ‚Buch‘ handelt es sich um eine Schriftrolle. Sie ist aussen und innen beschrieben. So hat man damals Verträge abgefasst und vor Verfälschungen gesichert. Der Vertrag war auf der Aussenseite lesbar. Dort aber konnte man den Text wieder abkratzen und abändern. Darum schrieb man denselben Text zuvor auf die Innenseite. Daraufhin rollte man das Dokument ein und versiegelte es. Damit war der Vertrag vor Fälschung gesichert. Ändern hätte man ihn nur dann können, wenn man zuvor das Siegel aufgebrochen hätte. Eine moderne Kopie einer solchen Rolle, hier mit drei Siegeln, sieht so aus (bitte klicken): Rolle-Siegel


ES IST ALLES AUFGESCHRIEBEN

Wir erfahren im Fortgang des Berichts, dass die Schriftrolle den aufgezeichneten Lauf der kommenden Ereignisse enthält. Alles, was von jetzt an geschehen wird, ist hier aufgeschrieben. Wir nehmen uns Zeit, das zu bedenken: Die kommende Geschichte entsteht nicht erst durch den Kampf der verschiedenen Beteiligten. Sie ist wie ein Vertrag – aussen und innen, also fälschungssicher – in dieser Rolle aufgezeichnet. Und: Sie liegt in Gottes guter rechter Hand.

Hier könnte es zu einem Missverständnis kommen. Die kommende Geschichte ist die Geschichte der Menschheit, ihrer Verwicklungen, ihrer Schuld und aller damit verbundenen Konsequenzen. Sie ist nicht von Gott bestimmt. Sie ist von Gott nur aufgezeichnet.


WER DARF DIE SIEGEL ÖFFNEN?

Damit die Geschichte beginnen kann, braucht es jemand, der würdig ist, die Schriftrolle zu empfangen und ihre Siegel zu öffnen. Nur: In der ganzen himmlischen Welt gibt es niemand, der dazu geeignet ist. Keines der vier Wesen, keiner der Ältesten, ja keiner der Engel (die in Kapitel vier nicht erwähnt werden und erst in 5,11 als himmlischer Lobpreischor auftreten), kommt dafür in Frage. Der Seher Johannes weint. Das Weinen drückt eine Sehnsucht danach aus, dass das, was in Gottes rechter Hand liegt, endlich los geht.


DAS LAMM DARF DAS BUCH ÖFFNEN

Johannes wird von einem der Ältesten getröstet (Offb. 5,5). Als Ältester gehört er zu jenen, die Anteil an der Heilsgeschichte haben. Er ist mit Gott und seiner Weise, Wege in der Geschichte zu gehen, vertraut. Noch bevor Christus als das Lamm auftritt, weiss der Älteste, wer hier gebraucht wird und kommen wird: der Messias, der Christus. Er ist der Löwe aus Juda (1. Mose 49,9) und der Wurzelspross Davids (Jes 11,1). Entscheidend ist, dass er „überwunden“ hat. Das griechische Wort bedeutet, dass er bereits „gesiegt“ hat. Wir merken hier nochmals: Es steht nichts mehr auf dem Spiel. Aber, das wird uns hier deutlich: Es hat den Messias etwas gekostet.

Das wird sofort sichtbar. Christus ist Gottes Lamm. Es ist „gleichsam geschlachtet“ (Offb. 5,6). Das war und ist der Preis. Als Lamm ist Christus der Träger des Geistes Gottes. Durch den Geist hat er alles in der Welt im Blick (die sieben Augen). Er tritt zum Thron und empfängt die Schriftrolle. Die darin aufgezeichnete kommende Geschichte liegt nun allein in seiner Hand. Wir haben es mit Jesus zu tun, zu dem wir gehören und der zu uns gehört. Es ist gut, wenn man das langsam und lange in seinem Inneren betrachtet.


JUBEL BRICHT AUS

In diesem Moment – als das Lamm das Buch entgegen nimmt – beginnt ein umfassender Jubel in der himmlischen Welt. Zunächst sind es die bereits bekannten vier Wesen und die 24 Ältesten. Neu ist, dass die Ältesten je eine Harfe haben sowie eine goldene Räucherschale. In ihr sind unsere Gebete aufbewahrt und gelangen so vor Gottes Thron und vor das Lamm. Auch dabei sollte man verweilen. Jedes meiner Gebete und unser aller Gebete sind nicht irgendwohin verschwunden. Sie sind in diesen 24 goldenen Schalen aufgehoben und steigen nun als Rauch zu Gott und zum Lamm auf, begleitet vom Gesang und vom Klang der Harfen.

Wir werden Zeugen des neuen Liedes, das die vier Wesen und die 24 Ältesten singen. Sie besingen die Würde des Lammes. Sie besingen damit auch den Preis, den das Lamm bezahlt hat, sowie die Gabe, die er sich damit ‚erkauft‘ hat: die weltweite Gemeinde, die zu ihm gehört.

Erst jetzt tauchen Engel auf. Sie umringen den ganzen Kreis, den wir bereits aus Kapitel vier kennen: den Thron, die vier Wesen und die Ältesten. So, wie die Wesen und die Ältesten die Würde des Lammes besingen, ebenso stimmen die Engel in das Lob der Würde des Lammes ein. Es sind zehntausendmal tausend Engel.

Und schliesslich stimmt noch eine weitere Gruppe als äusserster Kreis in den Lobgesang ein: jedes Geschöpf im Himmel, auf der Erde, unter der Erde und im Meer. Es ist ein gewaltiger Gottesdienst, an dem wir schauend teilhaben. Die vier Wesen sagen „Amen“. Übersetzt heisst das: „So ist es!“ Die 24 Ältesten bestätigen das: Sie werfen sich vor Gott und dem Lamm nieder und beten sie an.


IMPULS FÜRS GESPRÄCH – UNSER GOTTESDIENST

Im orthodoxen Gottesdienstverständnis tritt die feiernde Gemeinde immer zur himmlischen Gemeinde dazu. Die Gottesdienstgemeinde weiss: Im Himmel wird bereits gefeiert – siehe Offenbarung 4 und 5. Wir als irdische Gemeinde treten dazu und feiern hier und heute mit.

Wie wäre es, wenn auch wir uns das in unseren reformierten Gottesdiensten vor Augen halten? Der Gottesdienst beginnt nicht mit dem Spiel der Orgel. Er beginnt nicht damit, dass die Pfarrperson die Eingangsworte spricht. Sondern: Der Gottesdienst wird im Himmel bereits gefeiert, die Lieder werden bereits gesungen. ... Und wir stimmen als irdische Gemeinde mit ein.


Sonntag, 29. März 2020
Bitte lest Offenbarung 4.

DER BLICK IN DEN HIMMEL

„Danach sah ich, und siehe, eine Tür war aufgetan im Himmel.“ Es gibt eine Reihenfolge, in der Johannes etwas zu sehen bekommt. Die Reihenfolge ist nicht zufällig. Johannes soll zuerst – noch bevor die Ereignisse auf Erden losbrechen – einen Blick in den Himmel tun. Der Blick in den Himmel steht am Anfang.

WER REDET UND WORÜBER?

Johannes wird von demjenigen angerufen, der schon in Offb 1 mit ihm geredet hat: „die erste Stimme, die ich gehört hatte mit mir reden wie eine Posaune.“ Es ist Jesus Christus, dessen Bild (Ikone) wir betrachtet haben.

Die Stimme fordert Johannes auf, sich im Himmel etwas zeigen zu lassen. Was soll Johannes da sehen? Er soll sich zeigen lassen, „was nach diesem geschehen soll.“ (Offb. 4,1). Auch das ist nicht überraschend. Wir haben das bereits in der Einleitung, in Offb 1,1 gelesen.

Johannes soll Einsicht in den bald einsetzenden Geschichtsverlauf bekommen. Bald werden auf der Erde Ereignisse losbrechen. Die Gemeinde soll verstehen, was auf Erden losbrechen wird – und vor allem: wie es einzuordnen ist. Dafür braucht es zuerst und vor allem den Blick in den Himmel.

WAS SIEHT JOHANNES IM HIMMEL?

Er sieht einen Thron im Himmel stehen und einen, der darauf sitzt. Am Thron Gottes gibt es etwas zu sehen und zu hören: Farben, Stimmen und Bilder.

Für den jüdischen Leser, die jüdische Leserin, sind diese Bilder nicht neu. Was Johannes zu sehen bekommt, hat in ähnlicher Weise der Prophet Hesekiel zu sehen bekommen – fast 700 Jahre zuvor. Hesekiel sah etwas wie einen Thron und auf dem Thron sass einer (Hesekiel 1,26). Er sah eine „Feste wie Kristall“, Farben wir von Edelsteinen und um den Thron etwas „wie einen Regenbogen“. Bilder, die jetzt auch Johannes sieht.

[Hesekiel ist kurz vor der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier zum Propheten berufen worden (597 v. Chr.). Kurz bevor das jüdische Volk seine Heimat verlassen musste und ins Exil geführt wurde: nach Babylonien. Hesekiel bekommt – unter anderem – zu sehen, wie die Herrlichkeit Gottes den Tempel in Jerusalem verlässt und nach Osten – nämlich zur jüdischen Gemeinde ins Exil nach Babylonien – hinüberzieht (Hesekiel 10).]

Johannes sieht noch mehr. „Von dem Thron gingen aus Blitze und Stimmen und Donner“ (Offb. 1,5) Auch das kennt der jüdische Leser, die jüdische Leserin. Es sind Erinnerungen an eine grosse Geschichte. In dieser Weise ist Gott dem Mose am Berg Sinai erschienen. „Als nun der dritte Tag kam und es Morgen ward, da erhob sich ein Donnern und Blitzen und eine dichte Wolke auf dem Berge und der Ton einer sehr starken Posaune“(2. Mose 19,16). Am Sinai hat Gott mit seinem Volk einen Bund geschlossen. Der heute noch besteht.

ZWEI DINGE WERDEN KLAR

- Was Johannes zu sehen bekommt – und was er mit den sieben Gemeinden zu teilen hat – lässt keinen Zweifel: Es ist Gott selbst, dem Johannes hier begegnet.

- Es ist nicht irgendeine versponnene Idee, dass Gott jetzt, in dieser Zeit, mit Johannes über den bald eintretenden Lauf der Geschichte redet. Johannes ist – und damit sind wir es auch – in die grosse Geschichte Gottes eingebettet. Die Offenbarung schliesst wie eine Perle in einer Kette an alles bisherige Handeln Gottes an – und entfaltet es nun in seinen Konsequenzen.

DIE SIEBEN GEISTER GOTTES

„Und sieben Fackeln mit Feuer brannten vor dem Thron, welches sind die sieben Geister Gottes.“ Offb. 4,5 Die Sieben ist die göttliche Vollzahl. Es ist Gott in seiner ganzen Fülle, den Johannes zu sehen bekommt, nicht nur ein „Stückchen“ von ihm.

Die sieben Geister Gottes weisen auf Gott in seiner Fülle. Sie sind es, die auf dem Messias ruhen: Jesaja 11. An ihnen wird der Messias – an ihnen wird Jesus als der Christus – erkannt. „Auf ihm wird ruhen der Geist Jahwes, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht Jahwes.“ (Jes. 11,1-2) In der jüdischen Tradition tritt zu diesen sechs Geistern an vorletzter Stelle der Geist der Frömmigkeit hinzu. Darum spricht sie von sieben Geistern.

DIE 24 ÄLTESTEN – DAS GESCHICHTSHANDELN GOTTES

Am Thron und um den Thron herum gibt es zwei Hauptakteure. Sie sind immer da, haben ihren Ort am Thron Gottes. Das sind die 24 Ältesten und die 4 Wesen.

„Und um den Thron waren vierzundzwanzig Throne, und auf den Thronen sassen vierundzwanzig Älteste, mit weissen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern goldene Siegeskränze.“ Offenbarung 4,4

24 sind zweimal 12. Das sind zum einen die 12 Stämme Israels. Israel wohnt – nicht als Rest, sondern in seiner Vollzahl – am Thron Gottes. Die anderen 12 sind die 12 Apostel Jesu. Sie sind die Gefährten und Freunde Jesu. Beginnend mit dieser Jüngergemeinschaft hat sich Gottes Bund für Menschen aus allen Völkern geöffnet.

Interessant ist, dass hier weder von „Israel“, noch von den „Aposteln“ die Rede ist, sondern von „Ältesten“. Das ist unserer Meinung nach wichtig. Die 24 Ältesten sind eine neue Gemeinschaft aus Israel und den Aposteln Jesu.

Die 24 Ältesten haben Siegeskränze [stephanoi] auf ihrem Haupt. Das sind nicht Kronen. Die Kränze sind Zeichen derjenigen, die „überwunden“ haben. Paulus gebraucht das Bild des Laufes und des Siegeskranzes mehrmals. Den Kranz empfangen die, die den Lauf gelaufen sind (zum Beispiel 1. Korinther 9, 24-25).

DIE VIER WESEN – DAS SCHÖPFUNGSHANDELN GOTTES

„Mitten am Thron und um den Thron vier Gestalten, voll Augen, vorne und hinten.“ Offb. 4,6 Diese Wesen hat bereits der Prophet Hesekiel am Thron Gottes gesehen. Nicht ganz identisch, aber ähnlich. Wer ist das?

Die vier ist eine irdische Zahl. Sie steht für die Ganzheit der Schöpfungsmächte. Es gibt vier Himmelsrichtungen. Wenn ich zum Beispiel sagen will, dass „von allen Seiten“ etwas auf mich zu kommt, dann sage ich: „aus allen vier Himmelsrichtungen“.

Es sind Gottes Schöpfungswerke, die immer am Thron Gottes versammelt sind. Gottes Schöpfungswerke loben ihren Schöpfer ohne Unterlass. Versucht das zu betrachten. Es vor eurem inneren und äusseren Auge zu sehen: Alles, was ihr um euch herum seht, ist allezeit daran, Gott vor seinem Thron für sein Tun zu loben. Psalmen und Propheten sind voll von diesem Wissen, dass die Schöpfung Gott zujubelt.

Nun gibt es einen spannenden Zusammenhang: „Immer wenn die Gestalten Preis und Ehre und Dank gaben dem der auf dem Thron sass“, dann geschieht etwas. Dann fallen auch die 24 Ältesten nieder und stimmen in das Lob der 4 Gestalten ein. Dann loben sie Gott ebenfalls für sein Schöpfungshandeln: „Herr, unser Gott, du bist würdig zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden geschaffen.“ (Offb. 4,11)

Das heisst: auch die 24 Ältesten – das ist die neue Gemeinschaft am Thron Gottes – lobt Gott für sein Schöpfungswerk. Nicht nur die Schöpfung singt ihrem Schöpfer zu. Auch die Menschen, mit denen Gott unterwegs ist, loben Gott dafür, dass er alles wunderbar gemacht hat.

ZUM EIGENEN SCHAUEN UND VERINNERLICHEN

Bevor die Ereignisse der Endzeit beginnen (ab Kapitel 5) bekommt Johannes den Einblick in den Himmel. Was er dort sieht, muss man von jetzt an wissen und immer festhalten. Wer ist dort? Gott, Christus, die Vertreter der Heilsgeschichte Israels und der Völker, die Vertreter der Schöpfung. Wer ist nicht da? Da ist keine Gegenseite. Keine Mächte des Bösen. Was geschieht? In grosser Ruhe beugen sich alle vor Gott und stimmen den vielfältigen Lobpreis Gottes an. Was geschieht nicht? Keine Sorge, keine Hektik, keine ‚letzten‘ Vorbereitungen.
Über dem, was Johannes im Himmel gezeigt wird, liegt eine grosse Ruhe. Noch bevor alles beginnt, ist eines klar: Es steht nichts mehr auf dem Spiel.


ANREGUNG FÜRS GESPRÄCH

(1) Am Thron Gottes sind die 24 Ältesten und die 4 Wesen. Sie repräsentieren das Geschichtshandeln Gottes und das Schöpfungshandeln Gottes.
Manche von uns Christinnen und Christen sind mehr mit dem Geschichtshandeln Gottes vertraut, andere mehr mit dem Schöpfungshandeln Gottes.
Wie ist es bei mir? Wie gewichtet mein Inneres? Für welches Handeln Gottes muss ich meinen Blick öffnen? Beides hat immer seinen Ort am Thron Gottes und beides reagiert aufeinander.

(2) Wie geht es mir mit der grossen Ruhe und dem Lob, das im Himmel anzutreffen ist?



Donnerstag, 26. März 2020
Ulrike und Wolfgang schreiben: Mit dem Impuls für heute antworten wir auf die Frage einer Teilnehmerin.

KIRCHE UND STAAT - PAULUS UND DIE OFFENBARUNG

FRAGE: Die sieben Gemeinden der Offenbarung liegen in den Gebieten, in denen Paulus auf Missionsreise war. Paulus war mehrere Monate in Ephesus (Apostelgeschichte 19), Timotheus war auch da (1. Timotheus 1,3). Es fällt auf, dass Paulus in der Offenbarung des Johannes nicht erwähnt wird.

Die Vorstellung, die Paulus von der Rolle der Kirche hat und die Vorstellung, die uns in der Offenbarung begegnet, sind ziemlich verschieden:

• Die Offenbarung sieht die Kirche im Endkampf gegen die Widersacher Christi, daher muss sich die Kirche gegen die politisch-gesellschaftlichen Mächte stellen und die Feindschaft der Welt ertragen. Kirche und Welt sind Gegensätze, die getrennt gehalten werden müssen bzw. sich sogar im Kampf gegenüberstehen.

• Paulus sieht das anders (Römer 13,1-7, 1. Timotheus 2,2; Titusbrief 3,1). Kirche und Gesellschaft sind nach dem Willen Gottes aufeinander bezogen. Die Kirche soll bzw. muss der Gesellschaft entgegenkommen, um alle Menschen mit dem Evangelium zu erreichen.

Ist die Kritik an den Gemeinden in der Offenbarung vielleicht auch eine Kritik an zu viel paulinischer Kulturoffenheit und Assimilation?


ANTWORT: Danke für deine ausgezeichneten Beobachtungen und deine klare und wichtige Frage. Eine eindeutige ‚letzte‘ Antwort darauf wird es wohl nicht geben. Aber wir wollen gerne sagen, wie wir das sehen.

Wir meinen, dass Paulus und Johannes einen anderen Erfahrungs- und Zeithorizont haben, was die römische Behörde betrifft. Zwischen dem Tod des Paulus und der Abfassung der Offenbarung liegen etwa 30 Jahre.


PAULUS UND DER RÖMISCHE RECHTSSTAAT

Paulus wuchs im römischen Reich und in einer Zeit politisch grossen Friedens auf. Jedenfalls war es das für seine Zeit. Der Staat war stark und die Rechtssicherheit war in einem Mass gegeben, wie man das in der Antike bisher nicht gekannt hatte. Man nannte es ja auch die ‚Pax Romana‘, den römischen Frieden. Natürlich gab es regionale Unterschiede und auch Ungerechtigkeiten. Aber im grossen und ganzen lebte man im Frieden.

So hat sich Paulus in der für ihn äusserst gefährlichen Situation des Widerstandes in Jerusalem auf den Kaiser in Rom berufen und wurde auch zu ihm gebracht. Daraus erklärt sich unserer Meinung nach seine positive Haltung zum Rechtsstaat. Wahrscheinlich hat er diese Zeit der Rechtssicherheit und damit die rechtliche Struktur der Obrigkeit als ein Geschenk Gottes aufgefasst (Römer 13,1ff).

DIE VERÄNDERUNG DER RECHTSSICHERHEIT

Zu beachten hat man auch die Zeit, in der Paulus lebte. Er starb wahrscheinlich um das Jahr 60. Erst in der allerletzten Zeit seines Lebens (oder erst nach seinem Tod?) erhoben die römischen Kaiser (in der Diaspora, also vor allem in Kleinasien; nicht bzw. noch nicht in Rom) den Anspruch, als göttlich verehrt zu werden. Faktisch war das der Anspruch, ausserhalb bzw. oberhalb menschlichen Rechtes zu stehen.

Der Brief des Plinius, den Ulrike im gestrigen Impuls ausführlich zitiert hat, zeigt eine ganz andere Situation, die Paulus so nicht (noch nicht) erfahren hat. Der Brief zeichnet die Situation in Kleinasien etwa um 110. Das war bereits eine andere Welt.

DIE OBRIGKEIT STELLT SICH ÜBER DAS RECHT

Die Offenbarung stammt aus ziemlich späterer Zeit. Mit einiger Wahrscheinlichkeit hat Johannes seine Visionen um das Jahr 90 bis 95 gehabt. Da glich die politische Situation schon sehr dem, was wir bei Plinius erfahren. Der römische Staat zeigte ein sehr anderes Gesicht. Die Kaiser haben versucht, sich gegen Unruhen abzusichern. Ein zentrales Mittel war, dass sie schon zur Lebenszeit göttlichen Anspruch erhoben und von ihren Bewohnern göttliche Verehrung erwarteten. Gemeinschaften, deren Mitglieder sich nicht am Opfer für den Kaiser und die Götter beteiligen wollten, waren verdächtig und erschienen dem Staat als Bedrohung. In allen Gemeinden, die die Offenbarung namentlich nennt, gab es Tempel und Altäre für den jeweiligen Kaiser. Wie hätte Paulus reagiert, wenn er das zu seiner Lebenszeit erfahren hätte?

DER STAAT WIRD ANTICHRISTLICH

Johannes lebte in der Verbannung. Für uns mag das harmlos klingen. Ist Patmos nicht so etwas wie eine Ferieninsel? Nein! Verbannung war eine der schwersten Strafen, die die römische Obrigkeit verhängen konnte. Manche sind der Überzeugung, dass Verbannung schlimmer als die Todesstrafe war. Johannes war dort „um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses Jesu willen“. Der Staat hatte damit sein Gesicht als ein antichristlicher Staat aufgedeckt. Den Staat, den Paulus vor Augen hatte, gab es zur Zeit der Offenbarung nicht mehr.

RECHTSSTAAT ODER ABSOLUTER STAAT

Auf diesem Hintergrund verstehen wir die beiden so verschiedenen Haltungen des Johannes wie des Paulus zum Staat. Könnte das eine Hilfe für uns heute sein? Ein Staat, der auf einer Rechtsordnung aufbaut, sie vertritt und verteidigt, ist - bei allen Schwächen - unbedingt anzuerkennen. Ein Staat hingegen, bei dem sich die Obrigkeit absolut setzt und meint, jenseits oder gar oberhalb aller Rechtsordnung zu stehen, ist grundsätzlich antichristlich geworden. Und das auch da, wo er sich nicht (noch nicht) gegen Christen bzw. gegen die Kirche wendet.

AB WANN GEHT ES LOS?

Zu Beginn des Dritten Reiches haben sich die Nationalsozialisten gegen verschiedene Gruppen gewandt: gegen Juden, gegen Homosexuelle, gegen Zeugen Jehovas, gegen Roma. In der Kirche blieb es lange, zu lange merkwürdig still. Viele sagten sich: „Solange es uns nicht betrifft … Solange wir noch die Freiheit haben, das Evangelium zu predigen.“ … Das aber war ein Verhängnis. Als man dann selbst dran war, war es längst zu spät. Wie ist das heute? Wo sehen wir zu, wenn Menschen bzw. Gruppen grundlegende Menschenrechte eingeschränkt oder verweigert werden?


DREI IMPULSE FÜRS GESPRÄCH

1) Lest 2 Thess 2, 1-4. Paulus sieht bereits, dass der Rechtsstaat ein Ende finden wird. Solange er besteht, kann der Antichrist – den er den „Mann der Gesetzlosigkeit“ (2. Thess 2,3) nennt, nicht in Erscheinung treten. Das Kommen einer Obrigkeit, die Züge des Antichristen trägt, setzt für Paulus die Auflösung rechtsstaatlicher Verhältnisse voraus.

2) Wir können dem einmal nachgehen, wo überall wir – wie Paulus – die Obrigkeit, die politisch-gesellschaftliche Macht, als hilfreich und gut wahrnehmen.

3) Wo sehen oder erfahren wir, dass die Obrigkeit sich gegen Menschen wendet? Dass Rechtsunsicherheit und Rechtsbeugung erstarken?



Mittwoch, 25. März 2020

WER SIND DIE SIEBEN GEMEINDEN? - OFFENBARUNG 2 UND 3

Wer einen Eindruck vom westlichen Kleinasien – der heutigen westlichen Türkei – bekommen möchte, kann das hier tun: Westliches Kleinasien

In LAODICEA wurden mehrere Kirchen – eine von ihnen aus dem frühen 4. Jahrhundert – freigelegt. Im letzten Jahr wurde ein wohlhabendes Privathaus ausgegraben, das einen eigenen Raum für die christliche Versammlung hatte, also noch früher datiert wird.

Das Städtchen SELÇUK liegt südlich von Ephesus und hiess bis 1914 Ayasoluk. Das bedeutet Hagios Theologos (heiliger Theologe) und war der Beiname des Apostels Johannes. Die Stadt wurde nach Johannes benannt, weil er mit einiger Wahrscheinlichkeit in der Johannesbasilika begraben ist. Die vier Säulen im Video sind Teil der Apsis. Auf der Karte sieht man, dass es von Patmos – dem Ort der Verbannung des Johannes – bis Selçuk nicht weit ist.


ZUR SITUATION DER CHRISTLICHEN GEMEINDEN IM RÖMISCHEN REICH

Vom 1. Jhd. bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts lebten Christen im römischen Reich in einem Zustand der Rechtsunsicherheit. Zeitweise kam es zu Christenverfolgungen.

Der Zustand der Rechtsunsicherheit spiegelt sich in einem Briefwechsel, den Plinius – ein hoher römischer Beamter – und Kaiser Trajan führten. Plinius war zwischen 109 und 113 als Richter in den Nordosten Kleinasiens geschickt worden. Weil er nicht wusste, wie mit Christinnen und Christen umzugehen ist, ersuchte er schriftlich um Rat beim Kaiser:

C. Plinius an Kaiser Trajan:
Einstweilen bin ich mit denen, die mir als Christen angezeigt wurden, folgendermassen verfahren: (3) Ich habe sie gefragt, ob sie Christen seien. Gestanden sie, so habe ich ihnen unter Androhung der Todesstrafe ein zweites und drittes Mal dieselbe Frage gestellt; beharrten sie [bei ihrem Geständnis], so habe ich sie [zur Hinrichtung] abführen lassen. Denn ich zweifelte nicht: Was immer sie gestehen mochten, so verdienten allein schon ihre Hartnäckigkeit und ihr unbeugsamer Starrsinn Bestrafung. (4) Andere, die einem ähnlichen Wahnsinn verfallen waren, habe ich, weil sie das römische Bürgerrecht besassen, zur Rückführung nach Rom vormerken lassen.
Wie es aber zu gehen pflegt, nahmen auf das gerichtliche Einschreiten hin bald die Anschuldigungen zu und kamen weitere Fälle zur Anzeige. (5) Eine anonyme Anklageschrift wurde vorgelegt, die zahlreiche Namen enthielt. Die leugneten, Christen zu sein oder es je gewesen zu sein, habe ich entlassen zu können geglaubt, sobald sie, nach meinem Vorgang, die Götter anriefen und deinem Bild, das ich mit den Götterstatuen zu diesem Zweck hatte herbeischaffen lassen, mit Weihrauch und Wein opferten, ausserdem noch Christus lästerten - alles Dinge, zu denen sich, wie es heisst, überzeugte Christen niemals zwingen lassen. (6) Andere von dem Denunzianten Genannte gaben erst zu, Christen zu sein, widerriefen aber gleich darauf: sie seien es wohl [einmal] gewesen, hätten es aber [längst] wieder aufgegeben, [und zwar] manche vor drei, manche vor [noch] mehr Jahren, ein paar sogar schon vor 20 Jahren. Sie alle haben ebenfalls deinem Bild sowie den Götterstatuen gehuldigt und Christus gelästert.
(7) Sie beteuerten jedoch, ihre ganze Schuld oder auch ihre Verirrung habe darin bestanden, dass sie gewöhnlich an einem fest gesetzten Tag vor Sonnenaufgang sich versammelt, Christus als ihrem Gott im Wechsel Lob gesungen und sich mit einem Eid verpflichtet hätten – nicht etwa zu irgendeinem Verbrechen, sondern [gerade] zur Unterlassung von Diebstahl, Raub, Ehebruch, Treulosigkeit und Unterschlagung von anvertrautem Gut. Danach sei es bei ihnen Brauch gewesen, auseinanderzugehen und [später] wieder zusammenzukommen, um ein Mahl einzunehmen, allerdings ein ganz gewöhnliches und unschuldiges; selbst das aber hätten sie nach meinem Edikt eingestellt, mit dem ich entsprechend deinen Verfügungen das Bestehen von Hetärien [Vereinen] verboten hatte. (8) Um so mehr hielt ich es für angezeigt, aus zwei Sklavinnen, sog, >Dienerinnen< (ministrae [=Diakonissen!]), die Wahrheit unter der Folter herauszubekommen. Ich fand aber nichts anderes heraus als minderwertigen, masslosen Aberglauben.
(9) Daher setzte ich das Verfahren aus, um eiligst deinen Rat einzuholen. Mir schien nämlich die Sache einer Konsultation wert, vor allem um der grossen Zahl derer willen, die hierbei auf dem Spiele stehen [oder: die angeklagt sind]; sind doch zahlreiche Angehörige jeglichen Alters und Standes, auch beiderlei Geschlechts, von diesen Untersuchungen betroffen und werden es noch sein, da sich nicht allein in Städten, sondern auch über die Dörfer und das flache Land hin die Seuche dieses Aberglaubens ausgebreitet hat.
Anmerkung Ulrike Bittner: Wenn Plinus Aberglauben (superstitio) schreibt, meint er den christlichen Glauben.

Quelle: Ritter, Alte Kirche, 1977, 14-15
Den gesamten Briefwechsel findet ihr hier: https://www.uni-due.de/~gev020/courses/course-stuff/pliniusjun.htm


DIE BRIEFE AN DIE GEMEINDEN

Wir haben in Offb. 1 mit Johannes einen Blick in den Himmel getan. Wir haben gesehen, dass Jesus Christus von sieben Leuchtern umgeben ist. Das sind die sieben Gemeinden in Kleinasien. Sie sind ihm nahe, vertraut und kostbar. Auf seiner Hand hat Jesus Christus sieben Sterne – das sind Engel. Sie vertreten in einer Weise, die nicht näher erklärt wird, die sieben Gemeinden.

Johannes bekommt den Auftrag, jeder der sieben Gemeinden zu schreiben. In jedem Brief kommt ein erstaunlich präzises Wissen darüber zum Ausdruck, was in den Gemeinden vorgeht.


Alles sieben Briefe haben denselben Aufbau:

(1) Anweisung an Johannes, an den Engel der Gemeinde zu schreiben
(2) Jesus Christus stellt sich selbst vor
(3) Er sagt: Ich kenne deine Werke und deine Situation.
(4) Er lobt: Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Philadelphia
(5) Er weist zurecht: Ephesus, Pergamon, Thyatira, Sardis, Laodicea
(6) Er ruft zur Umkehr oder zum Durchhalten
(7) Aufforderung, auf das Reden des Geistes zu hören
(8) Versprechen für die, die überwinden

Zwei Gemeinden empfangen ausschliesslich Lob – das sind Smyrna (heute Izmir) und Philadelphia (heute Alaşehir). Eine Gemeinde wird ausschliesslich zurecht gewiesen – das ist Laodicea. Für die andern vier Gemeinden hat Jesus sowohl Worte des Lobes als auch Worte der Zurechtweisung.


WER REDET MIT DER GEMEINDE?

Jesus stellt sich im Brief der Gemeinde vor. Das ist der übliche Eingang eines antiken Briefes: man sagt, wer hier schreibt. ... Für uns die Frage: Achte ich darauf, wer mit mir redet? Macht es einen Unterschied für das, was gesagt wird, wenn ich weiss, wer es sagt?

ICH KENNE DEINE WERKE

Jeder Brief setzt ein mit dem Wort Jesu: „Ich kenne deine Werke.“ Wie ist das, als Gemeinde gekannt zu sein? Nicht in Bezug auf das, was wir meinen, denken, wollen (= die Gesinnung), sondern in Bezug auf das, was wir tatsächlich tun (= das Handeln).

Wer OHREN HAT ZU HÖREN

Die Briefe sind an sieben konkrete Gemeinden geschrieben. Jeder Brief schliesst mit der Aufforderung an diejenigen, die hören können, dass sie hören. Offb 1,7: „Wer Ohren hat zu hören, der höre, was der Geist den Gemeinden ( = Plural) sagt.“ Woher wissen wir, mit welchem Lob, mit welchem Ruf zur Umkehr wir gemeint sind?



Dienstag, 24. März 2020
Ulrike schreibt: Für den heutigen Tag hat Wolfgang den Impuls geschrieben.


ICH – ORTSGEMEINDEN – WELTWEITE KIRCHE – SIEBEN GEMEINDEN


ICH GLAUBE
Wenn jemand zum Glauben kommt, dann gründet er keine „Jesus und Ich AG“. Wer glaubt, der gehört zu jenen, die auch glauben. Ob einem das passt oder nicht. Schwestern und Brüder bekommt man. Man sucht sie sich selbst nicht aus.

HAUSGEMEINDEN
In neutestamentlicher Zeit waren die Gemeinden (mit Ausnahme von Jerusalem und wohl auch Antiochien) eher kleinere Hauskreise. Schätzungen gehen von einem Durchschnitt von etwa 15 Personen aus. So viele also, wie sich in einem Wohnzimmer versammeln konnten. Die Gemeinde in Rom bestand wahrscheinlich aus mehreren solchen Hausgemeinden, die untereinander vernetzt waren. Man traf sich im „Haus“. „Haus“ war in dieser Zeit die Gemeinschaft aller, die im Haus lebten und arbeiteten: die engere Familie, Verwandte, Knechte und Mägde usw. „Haus“ war eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Gemeinde war also zunächst Hausgemeinschaft.

WELTWEITE KIRCHE
In einem nächsten Schritt hatte eine solche Hausgemeinschaft Kontakt mit anderen christlichen Hausgemeinden an anderen Orten. Man hörte voneinander, besuchte sich wenn möglich, schrieb sich Briefe und betete füreinander. So entstand die Erfahrung, dass man den Glauben Jesu auch mit Menschen an anderen Orten teilt. Man gehörte zusammen, auch wenn man an verschiedenen Orten lebte. Dadurch erlebte man: Ich gehöre zur „Hausgemeinde am Ort“ und gleichzeitig zur „weltweiten Kirche“.

FRAGEN DER LEHRE UND DES VERHALTENS
Wichtig wurde das schon früh bei aufbrechenden Lehrfragen (was bedeutet Glauben?) sowie bei ethischen Fragen (wie lebt man den Glauben?). Die Gemeinden begriffen sofort, dass solche Fragen gemeinsam gelöst werden mussten. Weil Christus bei allen derselbe war konnte man in solchen Fragen nicht unterschiedliche Entscheidungen treffen. Was uns heute im Zug der Zeit beinahe als normal erscheint – Ich entscheide für mich, was für mich gerade richtig ist – haben die werdenden Gemeinden von Anfang an abgewehrt. Sie hatten ein Bewusstsein davon, dass sie mit allen anderen Gemeinden eine Kirche sind.

DIE EINHEIT DER KIRCHE
Deutlich wird uns das an der damals brennenden Frage, ob Nichtjuden, die zum Glauben an Jesus kommen, zuerst dem Judentum beitreten mussten. Jesus war ja der Messias Israels. Starke Stimmen in der frühen Kirche waren dieser Meinung. Andere – zu ihnen gehörte vor allem Paulus – waren anderer Ansicht. Jesus hat als Christus die Mauer zwischen Juden und Nichtjuden eingerissen. Nichtjuden haben damit einen direkten Zugang zu Jesus, ohne zuvor dem Judentum beitreten zu müssen. Diese Frage beschäftigte alle Gemeinden. Keine konnte diese Frage einfach so „für sich“ entscheiden. So traf man sich zur ersten weltweiten Kirchenversammlung: dem sogenannten Apostelkonzil (man lese dazu den spannenden Bericht in Apg 15). Man hat verhandelt, hat alle Parteien mit ihren Argumenten angehört und dann gemeinsam entschieden. Diesen Entscheid hat man dann allen einzelnen Gemeinden mitgeteilt in der Erwartung, dass sich alle an diese Beschlüsse halten. Wichtig: Von diesem Entschluss des ersten Konzils leben wir heute noch. Obwohl die Kirche am Anfang eine Gruppe innerhalb des Judentums war, blieb sie das nicht. Der Weg des Evangeliums führte über das Judentum hinaus. Wie heftig und grundsätzlich diese Auseinandersetzung geführt wurde, kann einem am Galaterbrief deutlich werden.

Seither ist klar: Es gibt Fragen der Lehre und Fragen der Lebensführung, die niemand nach dem Muster „ich für mich gerade jetzt“ entscheiden kann. Was Jesus in der Stille zu mir spricht, das muss übereinstimmen mit dem, was die Kirche als ganze anerkennt und vertritt.

UND HEUTE?
An wesentlichen Punkten hat sich unsere Lebenswirklichkeit verändert und damit die Frage, zu welcher Kirche wir gehören, überaus schwierig gemacht. Die ursprünglich kleinen Hausgemeinschaften wurden grösser. Bald hatte man in der Wohnstube nicht mehr Platz. Damit begann man, Kirchen zu bauen, in denen sich die einzelnen Hausgemeinden eines Ortes zum Gottesdienst und zum Teilen des Lebens trafen.

Das Wachstum aber ging weiter. Heute leben wir Menschen an einem Ort (an dem wir unsere Wohnung oder unser Haus gefunden haben), arbeiten an einem anderen Ort (wo wir eine Arbeitsstelle gefunden haben) und haben unsere Familien und Freunde verstreut an noch anderen Orten. Die frühere Einheit unserer Lebenswelt gibt es so nicht mehr. Wohin gehören wir, wenn wir Christinnen und Christen sind?

Hinzu kommt das Wachstum der Gemeinden. Sie bestehen nicht mehr aus überschaubaren Kreisen. Aus den vielleicht 15 Leuten des „Hauses“ wurden 100 Mitglieder und bald 200. Heute haben die Kirchen tausende von Mitgliedern. Was aber bedeutet das für unser Christ-Sein?

Ich schlage dafür folgende Gliederung vor:
• Ich gehöre zu Christus, weil ich glaube. Darauf gründet mein persönliches Leben mit ihm.
• Weil ich glaube gehöre ich zu anderen Christen, die mir Schwestern und Brüder sind. Ich suche sie mir nicht aus. Darauf gründet meine Zugehörigkeit zu anderen Christen.
• Diese Zusammengehörigkeit muss in meinem Leben eine konkrete Gestalt gewinnen. Ich brauche Menschen, mit denen zusammen ich glaube: mit denen ich Gottesdienst feiere, mit denen ich das Leben teile und einen Dienst der Liebe tue. Kirche ist grundlegend Anbetungsgemeinschaft, ist Lebensgemeinschaft und Dienstgemeinschaft. Darauf gründet unser gemeinsames Leben innerhalb der Kirche.
• Als Glaubende wie als überschaubare Gruppe gehören wir in den grossen Kreis der weltweiten Kirche. Wenn in Afrika und Südamerika die christlichen Gemeinden wachsen, dann sind das meine Geschwister. Wenn im Westen unserer Welt die Kirchen müde werden und an Bedeutung verlieren, dann sind das meine Geschwister. Wenn in den muslimischen Ländern Christen bedrängt werden, dann sind das meine Geschwister. Darauf gründet unsere Zugehörigkeit zur weltweiten Kirche.

Nun kann und soll ich mich fragen: Wo und wie finden diese einzelnen Aspekte in meinem Leben als Christin und als Christ Ausdruck?

• Wie sieht mein eigenes geistliches Leben mit Christus aus?
• Mit welchen Menschen bilde ich eine christliche Gemeinschaft?
• Wie sieht dieses gemeinsame Leben aus: Anbetung, Leben, Dienst?
• Was nehme ich wahr und teile ich mit den Christinnen und Christen der weltweiten Kirche?

SIEBEN GEMEINDEN DER OFFENBARUNG
Johannes schreibt die Offenbarung an sieben konkrete Ortsgemeinden. Das Buch wird versandt, reihum zu diesen einzelnen Gemeinden gebracht und dort – wahrscheinlich im Gottesdienst – vorgelesen. Jede Gemeinde wird direkt angesprochen. Für jede dieser Gemeinden gibt es in Kapitel 2 und 3 je einen einzelnen Brief.

Auffallend ist: Diese Einzelbriefe werden nicht nur in der jeweiligen Gemeinde vorgelesen. Sie werden in allen Gemeinden vorgelesen. Sie bleiben auch Teil des gesamten Buches, das bis heute uns allen gilt. In jedem Schreiben steht: „Wer Ohren hat zu hören der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“ Auch wenn wir nur Zuhörerinnen und Zuhörer dessen sind, was diesen sieben Gemeinden gesagt wird, können und sollen wir unsere eigenen Schlüsse daraus ziehen. Darum lesen wir ja jetzt die Offenbarung miteinander.

Johannes richtet sein Buch an sieben Gemeinden in Kleinasien. Warum nur an sieben? Zu dieser Zeit gab es in Kleinasien bereits länger auch andere Gemeinden, z.B. die Gemeinde in Kolossae. Dafür mag es manchen historischen Grund geben. Auffallend war immer schon die Sieben-Zahl. Sie ist in der Apokalyptik bedeutend und wird auch in der Offenbarung häufig vorkommen. Wir kommen später darauf zurück. Sieben ist hier neben ihrer konkreten Bedeutung vor allem eine symbolische Zahl. Sie meint die „Ganzheit“ – so, wie sieben Tage eine ganze Woche ergeben. Daraus hat bereits die alte Kirche ihren Schluss gezogen: Natürlich sind es sieben konkrete Gemeinden, denen dieses Buch gilt. Sieben aber bedeutet: Damit ist die gesamte Kirche gemeint und angesprochen.



Montag, 23. März 2020
Ulrike schreibt: Bitte lest Offenbarung 1,1-3: Wer schreibt an wen und mit welchem Auftrag?

1 Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat,
um seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen muss.
Und er hat sie durch seinen Engel gesandt und seinem Knecht Johannes kundgetan.
2 Dieser bezeugte das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi, alles, was er gesehen hat.
3 Selig ist, der die Worte der Weissagung vorliest, und die, die sie hören und das in ihr Geschriebene bewahren. Denn die Zeit ist nahe.


WER SCHREIBT?
Johannes ist einer aus dem Zwölferkreis – also einer, der mit Jesus persönlich unterwegs war. Er war zusammen mit seinem Bruder Jakobus und mit Simon Petrus eine Autorität in den ersten Gemeinden (Galater 2,9) Johannes ist mit einiger Wahrscheinlichkeit – man kann das diskutieren – der Verfasser

• des Johannesevangeliums
• der drei Johannesbriefe
• der Offenbarung des Johannes

Hier ein schöner Hinweis des Neutestamentlers Adolf Schlatter:
• Im Johannesevangelium geht es um Glauben.
• In den Briefen des Johannes geht es um Liebe.
• In der Offenbarung des Johannes geht es um Hoffnung.


WOHER KOMMT DIE BOTSCHAFT?

Es ist Jesus selbst, der seiner Kirche etwas zu sagen hat. Wenn Jesus etwas tut, bringt er damit immer den Willen seines (himmlischen) Vaters zum Ziel. Darum heisst es: Die Offenbarung, die Johannes von Jesus Christus empfängt, ist diesem von Gott gegeben worden (1,1). Denn Jesus empfängt alles, was er tut, von seinem Vater.


WOZU EMPFÄNGT JOHANNES DIE OFFENBARUNG?

Johannes empfängt sie nicht, damit er einen persönlichen Zuwachs an Erkenntnis – ein ganz spezielles Wissen – hat. Was Johannes sieht, ist auch heute nicht zum Füttern der eigenen Phantasie, Wissbegier oder Neugierde da. Wer etwas Geheimes oder Spezielles aus der Offenbarung machen will, dem hat sie sich nicht erschlossen.

Was Johannes sieht, sieht er für die Gemeinden: für die ganz normalen Christinnen und Christen. Konkret für die sieben Gemeinden in Kleinasien, aber auch für alle anderen Gemeinden. Die Weissagung des Johannes ist für diejenigen bestimmt, «die als Gottes Knechte mit dem Einsatz ihrer Person und ihres Lebens Gottes Werk unter den Menschen tun. ... Ihr Ziel besteht darin, dass die Knechte Gottes denjenigen Einblick in den Verlauf der Regierung Gottes bekommen, der ihnen zur Erfüllung ihres Dienstes hilft.» (Adolf Schlatter)

Wie geht es euch damit, dass Johannes seine Adressaten und sich selbst als Knechte bezeichnet? Für viele von uns klingt das abwertend. Für Johannes ist es ein Ehrentitel. Es ist ein Ehre, im Dienste Jesu zu stehen.
Es ist wie bei Paulus: Der versteht sich im Blick auf die Gottesbeziehung als ein Kind Gottes. In Bezug auf seinen Dienst nennt er sich einen Knecht Jesu Christi. (Philipper 1,1)


LESEN – HÖREN - HALTEN

Was Johannes sieht, ist ihm gezeigt worden, damit er es mit den Gemeinden teilt. Er soll es an sie weitergeben. Die Gemeinden sollen sehen und verstehen, wie es zugeht. Sie sollen sehen, wer das Sagen hat (Jesus Christus), wo sie selbst ihren Ort haben (nahe bei ihm) und welche Ereignisse in Kürze auf sie zukommen: „Gott will seinen Knechten zeigen, was in Kürze geschehen muss.“ (1,1)

Darum soll die Offenbarung (1,3)

• in den Gemeinden vorgelesen werden
• von allen Gemeindemitgliedern gehört werden
• fest im Gedächtnis behalten/bewacht werden

Erst dann – wenn sie vorgelesen, gehört und bewahrt wird – kommt die Offenbarung zu ihrem Ziel. Luther würde wohl sagen: Die Worte Gottes erreichen immer ihr Ziel. Sie sollen aber auch bei uns – in den Gemeinden in Liestal, in Basel, in Berlin, in ... – ihr Ziel erreichen. Sie sollen auch bei uns vorgelesen, gehört und (fest)gehalten werden. (Luther, 3. Hauptstück im Kleinen Katechismus)


JESUS BEREITET SEINE GEMEINDE VOR

Jesus bereitet die Gemeinden vor. Er sagt ihnen, „was in Kürze geschehen muss.“ (1,1). Das hat Jesus auch schon vor seinem Tod und seiner Auferstehung getan: «Ich habe euch alles zuvor gesagt!» (Markus 13,23) Mit dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu beginnt etwas Neues, eine neue Art von Zeit. Die Geschichte folgt ab jetzt einem Grundmuster, das die Gemeinden kennen und verstehen sollen. Darüber gibt Jesus dem Johannes und durch ihn den Gemeinden – und uns! – Bescheid.

Jesus hat seine Jünger immer schon vorbereitet (Johannes 15,15). Jesus selbst ist vorbereitet und er bereitet die Seinen vor. Er lässt seine Jünger – und damit auch uns – niemals ins offene Messer laufen. Ihr könntet die Evangelien einmal unter dem Aspekt lesen, wann und wie oft Jesus den Seinen vorher sagt, was geschehen wird. Es ist oft.

Die Jünger verstehen das nicht immer sofort, sie können es auch nicht immer verstehen. Es gibt Worte, die man hört und behält und die man erst einmal nicht versteht. Aber sie sind da und erschliessen sich, sobald sich die entsprechende Situation einstellt.


ANREGUNGEN FÜRS GESPRÄCH

(1) Die Worte der Offenbarung wollen in der ganz normalen Gemeinde vorgelesen, gehört und festgehalten werden. .... Hier im Chat bemühen wir uns darum, das zu tun. Wie können wir in unseren eigenen Zusammenhängen (in unseren Hauskreisen, Gottesdiensten usw.) das Vorlesen – Hören – (Fest)halten einüben?

(2) Johannes nennt nicht nur sich selbst, sondern seine Adressaten Knechte (Jesu Christi). Es ist eine Ehre, mit dem eigenen Leben Jesus Christus zu dienen. Wie geht es uns damit?



Sonntag, 22. März 2020
Ulrike B.: Bitte lest Offenbarung 1, 9-20: Der Menschensohn inmitten der sieben Leuchter

Die Offenbarung ist von Johannes geschrieben. So sagt es die Tradition. Mit den wissenschaftlichen Fragen, den Theorien zur Verfasserschaft, setzen wir uns jetzt nicht auseinander. Die Tradition sagt, dass Johannes auf der Insel Patmos gefangen war. Es gibt viele Höhlen auf der Insel, und die Höhle, in der Johannes gelebt hat, kann man heute noch besuchen.
Die Mönche zeigen einem noch heute, wo Johannes gelegen hat, wo sein Sekretär gestanden hat, wo der Handgriff ist, an dem Johannes sich aufgerichtet hat. Und so weiter. In dieser Höhle ist eine Kapelle angebaut. Man kann dort sitzen, man kann dort beten. An der Wand, an der das Bett des Johannes, des Evangelisten, des Theologen war, steht eine Ikone. Die ist in Wirklichkeit etwa zwei Meter hoch. Die Ikone zeigt, was der Seher Johannes im ersten Kapitel seiner Offenbarung zu sehen bekommt.

Vielleicht könnt ihr jetzt die Offenbarung, Kapitel eins, aufschlagen. Was hier in Kapitel eins steht, ist nicht zum Nachdenken, sondern es ist zum Schauen. Es öffnet sich wirklich nur im Hinschauen. Natürlich darf man auch nachdenken, das ist kein Verbot.

DER MENSCHENSOHN INMITTEN DER SIEBEN LEUCHTER

Aber das blosse Nachdenken öffnet einem diese Botschaft nicht. In Kapitel eins sagt Johannes, Vers 12: «Ich wandte mich um, um die Stimme zu sehen, die mit mir redete. Als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter.» Ihr seht sie da auf der Ikone: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben goldene Leuchter. Es wird zunächst einmal nicht erklärt, was diese Leuchter sind. Johannes beschreibt sie in der Erwartung, dass die Leute – seine Worte werden ja vorgelesen – dass die Leute vor ihrer ‹inneren Leinwand› die sieben Leuchter vor sich sehen. Wichtig ist das Sehen! Man muss zunächst gar nicht wissen, was gemeint ist. Inmitten der sieben Leuchter einen, der einem Menschensohn, also einem Menschen ähnlich oder gleich war. Bekleidet mit einem langen Gewand, das bis auf die Füsse reicht, die Brust umgürtet mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiss wie Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme. Und seine Füsse gleich schimmerndem Erz, wie aus einem feurigen Ofen. Seine Stimme war wie das Rauschen vieler Wasser. Und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand.
Aus seinem Mund ging ein zweischneidiges scharfes Schwert hervor. Und sein Angesicht war, wie die Sonne, die in ihrer Kraft leuchtet. Als ich ihn sah, sank ich wie tot ihm zu Füßen. Und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: "Fürchte dich nicht."
Jetzt stellt der Menschensohn – also Jesus Christus – sich vor. "Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot und siehe, ich bin lebendig in alle Ewigkeit. Und ich habe die Schlüssel des Todes und des Totenreiches."

Manches war den ersten Hörerinnen und Hörern der Offenbarung klar, weil sie manche Bilder aus den Schriften des Alten Testamentes, aus Daniel, aus Hesekiel gekannt haben. Das doppelschneidige Schwert ist das Richtschwert. Das heisst, der, der hier steht, ist der Richter. Er hat das letzte Wort.
Der, der hier steht, ist auch der, der die sieben Sterne in seiner Hand hält. Er ist der, dem die sieben Leuchter um ihn herum das allernächste sind. Und er hat die Schlüssel zum Tod und zum Totenreich.
"Schreibe nun", heisst es in Vers 19, "was du gesehen hast, was es bedeutet, und was nachher geschehen soll. Das Geheimnis der sieben Sterne, die du auf meiner Rechten gesehen hast, und der sieben goldenen Leuchter ist dies: Die sieben Sterne sind die Boten der sieben Gemeinden.“ Manche Übersetzungen sagen auch Engel. "Und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden." Hier wird also das Bild zum ersten Mal erklärt.

JOHANNES SCHREIBT FÜR EINE BEDRÄNGTE GEMEINDE

Jetzt muss man sich vorstellen: Johannes schreibt in einer Zeit, in der er selber unter Druck steht, man kann sagen: verfolgt wird. Er ahnt, dass die Gemeinde in eine Zeit der Erschwernis, der Behinderung – die Offenbarung wird sagen: der Verfolgung bis zum Tod – hineinkommen wird. Diese Gemeinde braucht jetzt eine Botschaft, damit sie sich auf diese kommende Zeit einrichten kann.

Stellt euch vor, wir wären das und wir wüssten, dass etwas Schweres auf uns zukommt, weil wir glauben. Was haben wir nötig, damit wir in diese Zeit hineingehen können? Dafür hilft es, lange, lange dieses Bild anzusehen: In der Mitte steht Christus. Er und niemand anders ist der Richter – in Bezug auf die ganze Weltgeschichte.
Er und niemand anders, hält, die Schlüssel des Todes und des Totenreichs in der Hand.
Wenn ihr das Bild anschaut: Wo ist die Gemeinde? Wo sind die sieben Leuchter? Sieben meint nicht nur die sieben einzelnen Gemeinden, sondern steht symbolisch für alle Gemeinden, auch für uns. Die Gemeinde, die sieben Leuchter, sind das, was dem Christus am nächsten ist! Das ist das allererste. Zuerst muss einem das gewiss werden
.
Da sind nicht irgendwelche Engel und Heilige um ihn herum und irgendwo weit hinten kommt dann auch noch die Gemeinde vor. Sondern das, was diesem Christus am allernächsten ist, ist die Gemeinde! Das sollen Menschen, wenn sie in eine solche bedrängende Zeit reingehen, anschauen.

Jede dieser Gemeinden hat einen Boten. Manche Übersetzungen sagen „Engel“, andere Übersetzungen „Bischof der Gemeinde“. Er ist der, der die Gemeinde vertritt. Wo sind diese Boten, die die Gemeinde vertreten? Sie sind in der rechten Hand des Menschensohns aufgehoben. Dort hält er sie fest.

DER MENSCHENSOHN HAT DIE SCHLÜSSEL DES TODES UND DES TOTENREICHS

Von Anfang an, in Kapitel eins, bevor all die anderen Bilder kommen, sehen wir als erstes: Die Schlüssel des Todes und des Totenreiches sind in der Hand des Menschensohns. Sie sind nirgends anders. Wenn ich über den Tod und über das Sterben nachdenke, dann weiss ich, in wessen Hand auch mein Tod und mein Sterben liegen.

Der Tod und das Totenreich gehören nicht auf die Seite des Bösen. Sie gehören zu den Machtbefugnissen des Christus.
Stellt euch vor, es sind sieben Gemeinden, die in Verfolgungszeiten gehen. Jeder Einzelne ahnt, dass eventuell der Tod auch auf ihn zukommt. Und dann könnte es sein, dass sie Angst bekommen. Sie denken: „Solange ich lebe, gehöre ich zu Jesus. Wenn ich dann aber sterbe, gehöre ich dann zu jemand anderem, der die Schlüssel des Todes hat?“
Das Bild zeigt uns: Auch dann gehörst du zu Jesus. Wenn du in dieser Verfolgungszeit auch stirbst: aus der Hand Christi fällst du darum nicht heraus. Die Offenbarung ist grundlegend ein Trostbuch.

Eigentlich würde es reichen, das Bild anzuschauen. Ihr merkt: Man soll dieses Bild nicht einfach schnell zur Kenntnis nehmen. Sondern das Bild ist zum Meditieren, davor sitzen, immer wieder hingehen, es sich immer wieder ansehen. Das Bild soll Raum in meinem Innern bekommen und mein Inneres soll sehen, dass Jesus die Schlüssel des Todes und des Totenreiches hat und dass er das doppelschneidige Schwert hat.

DIE HERRSCHAFT JESU IST UNBESTRITTEN

In der Schau des Johannes in Kapitel eins kommen nur Jesus Christus und die Gemeinde vor: also die sieben Leuchter, die sieben Engel und Jesus Christus mit dem Schwert und dem Schlüssel. Von der sogenannten Gegenseite, dem Bösen, kommt nichts vor! Es ist, als ob die Offenbarung – auch diese Ikone – sagt: "Wenn du wissen willst, was wichtig ist, und wenn du nicht unsicher werden willst in der späteren Zeit, dann schau dir das an und begreife, dass die anderen gar nicht vorkommen."

Johannes stellt sich der Gefährdung der Zeit, die er vor sich sieht. Und er bietet der Gemeinde, die in diese Zeit hineingeht, das Maximum an Trost. Der Trost heisst: "Aus der Hand von ihm wirst du nicht rausfallen, was immer mit dir geschieht." Es muss einem dann ja nicht wohler sein. Vielleicht betet man dann trotzdem und sagt: "Ich möchte gerne, dass diese Zeit an mir vorbeigeht." Aber du fällst nicht aus seiner Hand heraus.

ZUSAMMENFASSUNG
• Der Menschensohn steht inmitten der Leuchter – das sind die Gemeinden.
• Nichts anderes ist ihm so nahe wie die Gemeinden.
• Jesus Herrschaft ist unbestritten. Er muss mit niemandem kämpfen.




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