Religiös-Sozialistische Vereinigung der Deutschschweiz

Religiöses Judentum

Die Einführung über den religiösen Sozialismus ist insofern ergänzungsbedürftig, als religiös in unserem Namen nicht mit christlich identifiziert werden darf. So gehört auch der wichtige Beitrag des Judentums zum religiösen Sozialismus.

Nach und nach werden wir unsere Homepage mit entsprechenden Beiträgen ergänzen.

Als neuesten Beitrag lesen wir von Sarah Ebel-Fraiman, Zürich einen Beitrag zum Thema "Religiöses Judentum und Sozialismus - Spannungsfelder?"
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Sarah Ebel-Fraiman

Religiöses Judentum und Sozialismus - Spannungsfelder? von Sarah Ebel-Fraiman, Zürich Religiöses Judentum und Sozialismus - Spannungsfelder?

Sarah Ebel-Fraiman, Zürich

Das Judentum ist mehr als eine Religion, es ist eine Volkszugehörigkeit, eine Tradition und auch eine Denkensart. Und diese Art zu denken ist höchst sozial. Der Prozentsatz von Juden unter den Sozialisten und Kommunisten ist und war immer sehr hoch. Unter den ersten Kommunisten- damals noch Bolschewiken genannt- waren fast die Hälfte jüdisch. Und nicht zu vergessen den Begründer des Kommunismus, Karl Marx. Bei ihm wie bei anderen jüdischen Idealisten, denen Religion und oft auch Volkszugehörigkeit nichts mehr bedeutete, blieben doch die Ideen, welche den Kern des Judentums ausmachen, das soziale Denken. Zur Zeit, als solche Ideen noch völlig unpopulär waren, als sich z.B. die Assyrer durch extreme Grausamkeit auch innerhalb ihrer Gemeinschaft auszeichneten, finden wir in der jüdischen Gesetzgebung, der Torah, Anweisungen, wie die sozial Schwachen wie Witwen und Waisen ( 2. Moses 22, 21-22; 5. Moses 10, 17-18 und 14, 17-21; 5. Moses 27, 19) oder auch Verarmte ( 3. Moses 25, 35-36) unterstützt werden müssen. Immer wieder wird dies in der Torah betont. Auch wie man Diener (auf Zeit unbesoldet und deshalb Sklaven genannt, wobei kein Vergleich ist zur Sklavenhaltung anderer Völker) als gleichwertige Mitglieder des Haushaltes behandeln soll, wird in der Torah immer wieder betont. Diese Sklaven müssen nach sieben Jahren mit Geschenken versehen und freigelassen werden (2. Moses 21, 2). Soziale Gegensätze werden wenn möglich nivelliert. So wird zum Beispiel das Eigentum als nur temporär einem Menschen zugeteilt betrachtet; alle fünfzig Jahre geht alles Eigentum wieder an den ursprünglichen Besitzer zurück, damit niemand Eigentum anhäufen und reich werden kann. Denn der eigentliche Besitzer von allem ist ja Gott. So steht es ausdrücklich in der Torah (3. Moses 25, 10, 13, 23).
Durch Jahrhunderte waren dann auch in Europa die jüdischen Gemeinschaften geprägt von sozialem Denken, einer konsequenten Unterstützung der Armen durch diejenigen, denen es besser ging, nach dem Gebot der Zedaka (Wohltätigkeit), während rund um sie in allen Ländern Europas die krassesten Gegensätze zwischen Arm und Reich bestanden.
Ein weiteres Charakteristikum des Judentums ist seine Menschlichkeit. Obwohl es in der Torah auch Vorschriften gibt, die unmenschlich scheinen ( so z.B. das Steinigen oder der berüchtigte Satz: "Aug um Auge, Zahn um Zahn"), so bemüht sich der Talmud, der Erläuterungskorpus der Torah, diese Dinge menschlicher zu erklären. So sei nie jemand gesteinigt worden, weil dazu etliche weitere Bedingungen hätten erfüllt werden müssen, und bei "Aug um Auge" sei dies nicht wörtlich zu nehmen, denn es handle sich dabei, wie aus dem Kontext zu sehen ist, um Richtlinien für Schadenersatz. Diese "Menschlichkeit zuerst" sieht man auch bei den Geboten und Verboten: obwohl diese sehr wichtig sind und äusserst ernst genommen werden, so steht doch die Rettung eines Menschenlebens oder das Schonen der Gefühle eines Mitmenschen höher. Viele Rabbiner im Talmud betonen den Vorrang der Rücksichtnahme gegenüber den Mitmenschen vor dem Erfüllen eines von Gott gegebenen Gebotes.
Dabei ist das Religiöse sicher die "Seele" des Judentums. Beim Judentum hat dabei das Heiligen des Profanen äusserste Wichtigkeit. "Ihr sollt mir ein heiliges Volk sein, denn ich bin euer Gott" wird mehrmals in der Torah wiederholt. Doch das Heilige steht nicht im Gegensatz zum Profanen (Alltäglichen), denn das Profane kann geheiligt werden. So wird das Profane nicht negiert, sondern erhöht. Gott wird nicht nur im Gebet gefeiert, sondern auch durch Essen, sich schön kleiden oder durch eheliche Beziehungen, die dadurch zum Gottesdienst werden. Dadurch wird Gott allgegenwärtig, uns Menschen immer bewusst und nahe.
Die Religion findet auch hauptsächlich im engsten Umfeld des Menschen statt: in der Familie und zwischen Mensch und Gott. Alle Feste und auch der Schabbat werden vor allem in der Familie gefeiert, mit dem Kiddusch (Segnen des heiligen Tages), dem Brechen des Brotes mit einem Segensspruch, dann mit einer festlichen Mahlzeit im Familien- und Freundeskreis und dem Singen von Liedern, einem oder mehrerer Gedanken zum Torah- Abschnitt und schliesslich dem gemeinsamen Tischgebet.
Weil jeder selbst verantwortlich ist dafür, dass er die Gebote und Verbote hält und dafür, dass er die vielen Segenssprüche, welcher jeder religiöse Jude täglich sagt, auch ausspricht, wird die Religion etwas fast Intimes zwischen dem Einzelnen und Gott. Jeder/jede lernt auch so viel Torah, wie er/sie möchte, und trägt dadurch die Verantwortung für den persönlichen Fortschritt und das Verstehen seiner/ ihrer Religion. So ist der Jude/ die Jüdin trotz der vielen Gebote und Verbote ein selbstbestimmter und letztlich freier Mensch.

Sarah Ebel-Fraiman, geboren in Endingen AG, promovierte in Vergleichender Literaturwissenschaft ( Brandeis University, USA), lebte 25 Jahre in Israel und war Dozentin an der Bar Ilan University von 1998-2013. 3 Kinder. Verheiratet mit Rabbiner (emeritus) Marcel Yair Ebel von Zürich.
Ein kleiner Blick ins religiöse Judentum von Jochi Weil-Goldstein - Vorstandsmitglied der Resos Ein kleiner Einblick ins religiöse Judentum.
Ein paar Gedanken zum Wochenabschnitt, Paraschat Korach, 4. Buch Moses (Numeri), Kapitel 16- 17, die Jochi Weil-Goldstein, Vorstandsmitglied der RESOS und Mitglied der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich ICZ, am 9. Juli 2016 an einem emanzipatorischen Gottesdienst, wo auch Frauen aus der Thora vorlesen, als Laie im Gemeindezentrum an der Lavaterstrasse in Zürich vorgetragen hat; also nicht in der Synagoge, wo der Gottesdienst modern-orthodox gestaltet ist. Einige jüdische Begriffe darin sind in Klammern übersetzt.

Die Anfrage, am Schabbat, 3. Tamus 5776 (Monatsbezeichnung nach dem jüdischen Mondka-lender), den Dvar Thora (Kommentar zum Wochenabschnitt) zu übernehmen, hat mich geehrt, doch als ich in Erfahrung brachte, dass es um die Parascha Korach geht, auch verängstigt, denn das Geschehen darin empfinde ich als bedrohlich. Rebellion und Bestrafung, Themen, die mich lebenslang beschäftigen, bilden Zentren in diesem Wochenabschnitt, später auch die Rolle des Cohen Gadol (oberster Hohepriester), Ahron, der Levijim (die Mitglieder des Stammes Levi) und Entschädigungen für ihren Lebensunterhalt aus einem Teil der Opfergaben, der Hebe.

In Kapitel 16 von Bamidbar heisst es im Passuk 3 (Vers 3) von Korach, Datan und Abiram aus dem Stamme Levi: «Und sie versammelten sich wider Mosche (Moses) und Ahron und spra-chen zu ihnen: Zuviel für Euch! Denn die ganze Gemeinde sind lauter Heilige, denn unter ihnen ist der Ewige, und warum erhebt ihr Euch über die Versammlung des Ewigen?» Und im Passuk 4: «Als Mosche dies hörte, fiel er auf sein Angesicht.»
Weshalb diese Rebellion? Raschi, der von 1040- 1105 (nach unserer Zeitrechnung) lebte - ein sehr kluger Talmudgelehrter, der die Bundeslade trug, ein Cousin von Mosche - sagte, dass Korach sowie seine Leute unzufrieden waren und Anspruch auf das Amt des Cohen Gadol erhoben, welches Ahron innehatte, zumal sie auch aus dem Hause Levi stammten. Gleichzeitig stellten sie die Führung von Mosche und seine Berufung durch HaSchem (ein Name für Gott, der ausserhalb von Gebeten verwendet werden darf) in Frage. Sie warfen den beiden Vetternwirtschaft und Korruption vor.
Es wird gesagt, dass sie keine menschliche Autorität über sich erdulden wollten, denn G’tt sei inmitten der Versammlung. Doch sie wollten mehr. Nach dem wohl bedeutendsten Talmudgelehrten Rambam/Maimonides, 1135/1138-1204, verneinte Korach sogar die Of-fenbarung der Thora auf dem Sinai an Mosche. Betroffen äusserte Mosche, er habe nie für sich einen Vorteil gesucht. Er sei von HaSchem beauftragt worden. Sein Bruder Ahron begleitete ihn und wurde später Cohen Gadol.
Es stellt sich die Frage, ob Rebellion legitim ist. Was steckt dahinter? Haben Mosche und Ahron sich gewissermassen bei HaSchem versteckt? Rav (Rabbiner) Albert Shamonov, Bucharische Gemeinde in Wien, z.B. ist der Meinung, es gehe Korach, Datan, Abiram und ihren 250 Leuten vor allem um Neid und Eifersucht. Beides ist mir nicht fremd, doch mit zunehmendem Alter abnehmend ...
Die Thora sagt uns, Mosche habe versucht, Korach zu beschwichtigen, womit er erfolglos war, weshalb er ihm und den anderen Aufständischen gebot, am folgenden Tag mit Räu-cherpfannen und Kräutern (Ketoret) vor dem Mischkan (Stiftszelt, transportables Heiligtum auf der Wanderschaft in der Wüste) zu erscheinen. Dann werde sich zeigen, wen G’tt zum Hohepriester auserwählt.
In der Nacht nun ging Korach bei allen Stämmen vorbei, um Mosche und Ahron zu verhöhnen und herabzuwürdigen. Elijahu Tarantul, Rabbinatsassistent der ICZ interpretiert das folgendermassen: «Am folgenden Tag öffnete sich ein Spalt in der Erde. Korach wurde mit seiner Familie und seiner Rotte vom Erdboden ‹verschluckt›, er kam direkt in den Gehin-nom, den Ort der Reinigung und des Übergangs, oder bloss in den Scheol – die Gruft, das Totenreich?»
Raw (Rabbi) Weinmann meint, die drei Söhne von Korach seien nicht betroffen gewesen, da sie ihren Vater ursprünglich unterstützt hatten, jedoch nachträglich bald T’schuva (Um-kehr zu den Geboten im Judentum) gemacht haben.
Später wurden die 250 Gefolgsleute, angesehene Männer, die sich zum Aufstand gegen Mosche und Ahron hinreissen liessen, innerlich verbrannt – vermutlich mit heissem, flüssigen Blei, wie ich aus einem Schiur (Lernveranstaltung) von Raw (Rabbiner) Weinmann erfahren habe.
Auch wenn Mosche von HaSchem eingesetzt wurde, stellen sich für mich folgende Fragen: Darf der Führungsanspruch von Mosche und Ahron radikal in Frage gestellt werden? Dürfen diese und andere harte Strafen von HaSchem hinterfragt werden? Ist das wohl ketzerisch? Diese Fragen möchte ich so stehen lassen.
Bei Korach und seinen Unterstützern soll auch Eigennützigkeit Motivation gewesen sein. Es stellt sich die grundsätzliche Frage nach dem Führungsanspruch. Rabbi Jonathan Sacks, ehemaliger Oberrabbiner von England, hat zur Parascha Korach einen interessanten Beitrag, in Englisch verfasst, mit dem Titel ‹Servant Leadership›, dienende Führung. Ein paar wenige Aspekte möchte ich hier herausgreifen und etwas ‹genderlike› anpassen:
Korach sei ein Demagoge gewesen und kein Demokrat, er sei zu weit gegangen. Mosche verkörperte die Geburt einer neuen Art von Führung. Dies verstanden Korach und seine Un-terstützenden nicht, manche von uns tun das bis heute nicht.
In einer sozialen Ordnung, so Sacks, hat jeder und jede in den Augen des Himmels die gleiche Würde. Eine Führungsperson stehe nicht über dem Volk, über den Leuten. Er oder sie diene dem Volk und G’tt. Das grosse Symbol des biblischen Israels, die Menorah (der siebenarmige Leuchter), ist wie eine umgekehrte Pyramide, oben breit und unten eng. Niemand habe das Recht, über andere zu herrschen. Die grösste Führungspersönlichkeit ist deshalb die demütigste. Mosche war ein sehr demütiger Mann, demütiger als irgendjemand anderer auf der Erde. Der Name ‹dienende Führung›, (servant leadership), und ihr Ursprung liegt also in der Thora.
Dieses Führungsprinzip schwebt mir schon seit vielen Jahren vor: Wir brauchen Frauen und Männer, welche ihre Gaben bescheiden für und mit den ihnen anvertrauten Menschen umsetzen, sei dies nun in der ICZ oder anderswo. Er oder sie soll sich in Demut verhalten und die Würde selbst des Geringsten schützen.
Solches zeigt sich meines Erachtens z.B. darin, wie Informationen kommuniziert, wie Kon-flikte angegangen und ausgetragen, wie Entscheide getroffen werden. Zentral ist der Umgang mit Minderheiten. Werden diese z.B. verachtet?
Ein Beispiel, das hoffnungsvoll ist: der nicht mehr ganz neue Präsident der Synagogen-kommission. Wann immer er am Schabbat in der Synagoge auftaucht, grüsst er bei den Männern jeden einzelnen Teilnehmer persönlich kurz. (Frauen sitzen getrennt oben.) Bei mir kommt diese Geste des Respekts und der Achtsamkeit ermutigend an.
Rebellion, Widerstand sind für mich dort berechtigt, wo immer Menschen unterdrückt werden, in der Türkei z.B. sind es heute Kurden und Kurdinnen durch Erdogan.
Mit einigen Gedanken zum ‹Stab von Ahron› von Raw Pardess von Misrachi, Österreich (die jüdische Gemeinde des Ostens in Wien), die mich berühren, möchte ich heute an Schabbat schliessen.
In der Thora steht, dass am Abend zuvor die Führer jedes Stammes ihren Stab in den Mischkan gelegt hatten. «Am nächsten Morgen wuchsen nur auf dem Stab Ahrons Blumen und Mandeln.» Damit war allen klar, dass Ahron von G’tt auserwählt worden war.
Doch warum geschah dieses Wunder ausgerechnet mit Mandeln, und nicht zum Beispiel mit einer der sieben Früchte von Erez Israel? Die Mischna erklärt im Zusammenhang mit Truma (eine Abgabe an die Kohanim/Hohepriester), die nur von reifen und essbaren Früchten gegeben werden muss, dass es zwei Arten von Mandeln gibt: eine ist zuerst süss, wird dann aber bitter und ungeniessbar. Die andere ist zuerst bitter, wird dann aber süss und geniessbar.

Raw Kook, der erste Oberrabbiner von Erez Israel (vor der Staatsgründung), deutet die Mandeln, die auf dem Stab Ahrons wuchsen, so: «Ein Streit zwischen zwei Personen ist zuerst ‹süss›, man streitet, diskutiert, etc. Aber dann wird er ‹bitter›, die Beteiligten leiden unter dem Streit, reden nicht mehr miteinander. Dies entspricht der ersten Mandel.
Eine Versöhnung ist zuerst ‹bitter›: Man muss sich entschuldigen, Kompromisse eingehen. Doch dann ist sie ‹süss›, man ist wieder befreundet, redet miteinander. Das ist die zweite Mandel. Die Mandel steht also für Streit und Versöhnung.
G’tt will uns damit sagen, dass wir uns an die ‹zweite Mandel› halten sollten, uns nach einem Streit wieder versöhnen sollen. Deshalb hat er auf den Stab des Ahron, der den Frieden liebte, Mandeln wachsen lassen.»
Jochi Weil-Goldstein
Autor: Religiös-Sozialistische Vereinigung der Deutschschweiz     Bereitgestellt: 24.07.2017     Besuche: 24 Monat