Religiös-Sozialistische Vereinigung der Deutschschweiz

Religiöses Judentum

Die Einführung über den religiösen Sozialismus ist insofern ergänzungsbedürftig, als religiös in unserem Namen nicht mit christlich identifiziert werden darf. So gehört auch der wichtige Beitrag des Judentums zum religiösen Sozialismus.

Nach und nach werden wir unsere Homepage mit entsprechende Beiträge ergänzen.

Wir starten mit einem kleinen Blick ins religiöse Judentum mit unserem Vorstandsmitglied Jochi Weil-Goldstein
Ein kleiner Blick ins religiöse Judentum von Jochi Weil-Goldstein - Vorstandsmitglied der Resos Ein kleiner Einblick ins religiöse Judentum.
Ein paar Gedanken zum Wochenabschnitt, Paraschat Korach, 4. Buch Moses (Numeri), Kapitel 16- 17, die Jochi Weil-Goldstein, Vorstandsmitglied der RESOS und Mitglied der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich ICZ, am 9. Juli 2016 an einem emanzipatorischen Gottesdienst, wo auch Frauen aus der Thora vorlesen, als Laie im Gemeindezentrum an der Lavaterstrasse in Zürich vorgetragen hat; also nicht in der Synagoge, wo der Gottesdienst modern- orthodox gestaltet ist. Einige jüdische Begriffe darin sind in Klammern übersetzt.

Die Anfrage, am Schabbat, 3. Tamus 5776 (Monatsbezeichnung nach dem jüdischen Mondka-lender), den Dvar Thora (Kommentar zum Wochenabschnitt) zu übernehmen, hat mich ge-ehrt, doch als ich in Erfahrung brachte, dass es um die Parascha Korach geht, auch verängs-tigt, denn das Geschehen darin empfinde ich als bedrohlich. Rebellion und Bestrafung, The-men, die mich lebenslang beschäftigen, bilden Zentren in diesem Wochenabschnitt, später auch die Rolle des Cohen Gadol (oberster Hohepriester), Ahron, der Levijim (die Mitglieder des Stammes Levi) und Entschädigungen für ihren Lebensunterhalt aus einem Teil der Op-fergaben, der Hebe.

In Kapitel 16 von Bamidbar heisst es im Passuk 3 (Vers 3) von Korach, Datan und Abiram aus dem Stamme Levi: «Und sie versammelten sich wider Mosche (Moses) und Ahron und spra-chen zu ihnen: Zuviel für Euch! Denn die ganze Gemeinde sind lauter Heilige, denn unter ihnen ist der Ewige, und warum erhebt ihr Euch über die Versammlung des Ewigen?» Und im Passuk 4: «Als Mosche dies hörte, fiel er auf sein Angesicht.»
Weshalb diese Rebellion? Raschi, der von 1040- 1105 (nach unserer Zeitrechnung) lebte - ein sehr kluger Talmudgelehrter, der die Bundeslade trug, ein Cousin von Mosche - sagte, dass Korach sowie seine Leute unzufrieden waren und Anspruch auf das Amt des Cohen Gadol erhoben, welches Ahron innehatte, zumal sie auch aus dem Hause Levi stammten. Gleichzeitig stellten sie die Führung von Mosche und seine Berufung durch HaSchem (ein Name für Gott, der ausserhalb von Gebeten verwendet werden darf) in Frage. Sie warfen den beiden Vetternwirtschaft und Korruption vor.
Es wird gesagt, dass sie keine menschliche Autorität über sich erdulden wollten, denn G’tt sei inmitten der Versammlung. Doch sie wollten mehr. Nach dem wohl bedeutendsten Talmudgelehrten Rambam/Maimonides, 1135/1138-1204, verneinte Korach sogar die Of-fenbarung der Thora auf dem Sinai an Mosche. Betroffen äusserte Mosche, er habe nie für sich einen Vorteil gesucht. Er sei von HaSchem beauftragt worden. Sein Bruder Ahron beglei-tete ihn und wurde später Cohen Gadol.
Es stellt sich die Frage, ob Rebellion legitim ist. Was steckt dahinter? Haben Mosche und Ahron sich gewissermassen bei HaSchem versteckt? Rav (Rabbiner) Albert Shamonov, Bucharische Gemeinde in Wien, z.B. ist der Meinung, es gehe Korach, Datan, Abiram und ihren 250 Leuten vor allem um Neid und Eifersucht. Beides ist mir nicht fremd, doch mit zunehmendem Alter abnehmend ...
Die Thora sagt uns, Mosche habe versucht, Korach zu beschwichtigen, womit er erfolglos war, weshalb er ihm und den anderen Aufständischen gebot, am folgenden Tag mit Räu-cherpfannen und Kräutern (Ketoret) vor dem Mischkan (Stiftszelt, transportables Heiligtum auf der Wanderschaft in der Wüste) zu erscheinen. Dann werde sich zeigen, wen G’tt zum Hohepriester auserwählt.
In der Nacht nun ging Korach bei allen Stämmen vorbei, um Mosche und Ahron zu ver-höhnen und herabzuwürdigen. Elijahu Tarantul, Rabbinatsassistent der ICZ interpretiert das folgendermassen: «Am folgenden Tag öffnete sich ein Spalt in der Erde. Korach wurde mit seiner Familie und seiner Rotte vom Erdboden ‹verschluckt›, er kam direkt in den Gehin-nom, den Ort der Reinigung und des Übergangs, oder bloss in den Scheol – die Gruft, das Totenreich?»
Raw (Rabbi) Weinmann meint, die drei Söhne von Korach seien nicht betroffen gewesen, da sie ihren Vater ursprünglich unterstützt hatten, jedoch nachträglich bald T’schuva (Um-kehr zu den Geboten im Judentum) gemacht haben.
Später wurden die 250 Gefolgsleute, angesehene Männer, die sich zum Aufstand gegen Mosche und Ahron hinreissen liessen, innerlich verbrannt – vermutlich mit heissem, flüssigen Blei, wie ich aus einem Schiur (Lernveranstaltung) von Raw (Rabbiner) Weinmann erfahren habe.
Auch wenn Mosche von HaSchem eingesetzt wurde, stellen sich für mich folgende Fragen: Darf der Führungsanspruch von Mosche und Ahron radikal in Frage gestellt werden? Dürfen diese und andere harte Strafen von HaSchem hinterfragt werden? Ist das wohl ketzerisch? Diese Fragen möchte ich so stehen lassen.
Bei Korach und seinen Unterstützern soll auch Eigennützigkeit Motivation gewesen sein. Es stellt sich die grundsätzliche Frage nach dem Führungsanspruch. Rabbi Jonathan Sacks, ehemaliger Oberrabbiner von England, hat zur Parascha Korach einen interessanten Beitrag, in Englisch verfasst, mit dem Titel ‹Servant Leadership›, dienende Führung. Ein paar wenige Aspekte möchte ich hier herausgreifen und etwas ‹genderlike› anpassen:
Korach sei ein Demagoge gewesen und kein Demokrat, er sei zu weit gegangen. Mosche verkörperte die Geburt einer neuen Art von Führung. Dies verstanden Korach und seine Un-terstützenden nicht, manche von uns tun das bis heute nicht.
In einer sozialen Ordnung, so Sacks, hat jeder und jede in den Augen des Himmels die gleiche Würde. Eine Führungsperson stehe nicht über dem Volk, über den Leuten. Er oder sie diene dem Volk und G’tt. Das grosse Symbol des biblischen Israels, die Menorah (der sieben-armige Leuchter), ist wie eine umgekehrte Pyramide, oben breit und unten eng. Niemand habe das Recht, über andere zu herrschen. Die grösste Führungspersönlichkeit ist deshalb die demütigste. Mosche war ein sehr demütiger Mann, demütiger als irgendjemand anderer auf der Erde. Der Name ‹dienende Führung›, (servant leadership), und ihr Ursprung liegt also in der Thora.
Dieses Führungsprinzip schwebt mir schon seit vielen Jahren vor: Wir brauchen Frauen und Männer, welche ihre Gaben bescheiden für und mit den ihnen anvertrauten Menschen umsetzen, sei dies nun in der ICZ oder anderswo. Er oder sie soll sich in Demut verhalten und die Würde selbst des Geringsten schützen.
Solches zeigt sich meines Erachtens z.B. darin, wie Informationen kommuniziert, wie Kon-flikte angegangen und ausgetragen, wie Entscheide getroffen werden. Zentral ist der Um-gang mit Minderheiten. Werden diese z.B. verachtet?
Ein Beispiel, das hoffnungsvoll ist: der nicht mehr ganz neue Präsident der Synagogen-kommission. Wann immer er am Schabbat in der Synagoge auftaucht, grüsst er bei den Männern jeden einzelnen Teilnehmer persönlich kurz. (Frauen sitzen getrennt oben.) Bei mir kommt diese Geste des Respekts und der Achtsamkeit ermutigend an.
Rebellion, Widerstand sind für mich dort berechtigt, wo immer Menschen unterdrückt werden, in der Türkei z.B. sind es heute Kurden und Kurdinnen durch Erdogan.
Mit einigen Gedanken zum ‹Stab von Ahron› von Raw Pardess von Misrachi, Österreich (die jüdische Gemeinde des Ostens in Wien), die mich berühren, möchte ich heute an Schabbat schliessen.
In der Thora steht, dass am Abend zuvor die Führer jedes Stammes ihren Stab in den Mischkan gelegt hatten. «Am nächsten Morgen wuchsen nur auf dem Stab Ahrons Blumen und Mandeln.» Damit war allen klar, dass Ahron von G’tt auserwählt worden war.
Doch warum geschah dieses Wunder ausgerechnet mit Mandeln, und nicht zum Beispiel mit einer der sieben Früchte von Erez Israel? Die Mischna erklärt im Zusammenhang mit Truma (eine Abgabe an die Kohanim/Hohepriester), die nur von reifen und essbaren Früch-ten gegeben werden muss, dass es zwei Arten von Mandeln gibt: eine ist zuerst süss, wird dann aber bitter und ungeniessbar. Die andere ist zuerst bitter, wird dann aber süss und geniessbar.

Raw Kook, der erste Oberrabbiner von Erez Israel (vor der Staatsgründung), deutet die Mandeln, die auf dem Stab Ahrons wuchsen, so: «Ein Streit zwischen zwei Personen ist zuerst ‹süss›, man streitet, diskutiert, etc. Aber dann wird er ‹bitter›, die Beteiligten leiden unter dem Streit, reden nicht mehr miteinander. Dies entspricht der ersten Mandel.
Eine Versöhnung ist zuerst ‹bitter›: Man muss sich entschuldigen, Kompromisse eingehen. Doch dann ist sie ‹süss›, man ist wieder befreundet, redet miteinander. Das ist die zweite Mandel. Die Mandel steht also für Streit und Versöhnung.
G’tt will uns damit sagen, dass wir uns an die ‹zweite Mandel› halten sollten, uns nach ei-nem Streit wieder versöhnen sollen. Deshalb hat er auf den Stab des Ahron, der den Frieden liebte, Mandeln wachsen lassen.»
Jochi Weil-Goldstein
Autor: Religiös-Sozialistische Vereinigung der Deutschschweiz     Bereitgestellt: 01.12.2016     Besuche: 19 Monat