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REFORMIERTES PFARRAMT BLEIENBACH

Raus aus dem Schneckenhaus!
Zur Theologie der Schnecke

Ich fürchte, alle Gartenbesitzer werden mich jetzt totschlagen. Denn ausser Trockenheit gibt’s im Garten nichts Schlimmeres als Schnecken. Die fressen alles weg: von den zarten Salatsprösslingen über die Hortensien bis zu den Elefantenohren. Nichts ist vor ihnen sicher. Darum gehören sie auch ausgerottet. Mit Stumpf und Stiel. Mit Haut und Haus. Radikal. Am liebsten für immer.
Und nun gar eine Theologie der Schnecke? Es gibt tatsächlich eine theologische Seite der Schnecke. Die wichtigste ist wohl, dass sie die Auferstehung symbolisiert. Denn im Frühling sprengt sie den Deckel ihres Gehäuses und kriecht aus der Erde. Zwei Bilder für die Überwindung des Todes. Eindrücklich dargestellt ist diese Idee am unteren Teil des Sebaldusgrabes in Nürnberg aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts. Vier Delphine und zwölf je verschieden geformte Schnecken tragen das anderthalb Tonnen schwere Grabmal. Das heisst: die Auferstehung trägt durch den Tod und stützt das Christkind mit der Weltkugel, das zuoberst über dem Himmlischen Jerusalem steht. Denn ohne Auferstehung gibt es auch keine Weltherrschaft Christi.

Überhaupt könnte man mit der Schnecke eine ganze Christologie (siehe Kasten unten) betreiben. Sie gehört zu den am meisten verachteten Lebewesen. Sie wird auf allerhand grausame Weise zu Tode befördert. Geringschätzung, Demütigung, geschlagen und getreten werden, stumm leiden, der schändliche Tod - das alles sind Begriffe, die auch immer wieder für das Leben und die Passion Christi gebraucht werden. So etwa im später auf Christus bezogenen Jesajatext: „Er hatte weder Gestalt noch Schönheit … war so verachtet, dass er uns nichts galt … Er ward misshandelt und beugte sich und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird (Jesaja 53).“
In der Passion wird Jesus von Nazareth „zur Schnecke gemacht.“ Das tönt zwar despektierlich und unkonventionell, trifft aber den Kern der Sache ziemlich genau.
In der Kunst wird immer nur die Weinbergschnecke abgebildet. Sie ist die einzig essbare Landschnecke und entsprechend bei uns geschätzt und geschützt. Weinberg tönt sympathisch. Und er erinnert entfernt immer auch an den Weinberg Gottes, ein anderes Bild für die Vorstellung vom Himmelreich. Auf dem Sebaldusgrab tragen die Weinbergschnecken deshalb nicht nur das Grab, sondern mit dem Himmlischen Jerusalem auch das Reich Gottes.
Man könnte die Weinbergschnecke auch als weises Lebewesen beschreiben. Sie ist langsam, ein passendes Bild für das „Slow Up!“, der inneren und äusseren Bedächtigkeit. Und, indem die Schnecke ihr eigenes Haus immer dabei hat, ist sie die perfekte Verkörperung des antiken Spruches „Der Weise trägt alles mit sich.“ Es braucht nur wenig im Leben. Nicht mehr, als man bequem mit sich tragen kann. Auf Neudeutsch: „Simplify Your Life!“ (vereinfache dein Leben).
Tja – vielleicht entdecken Sie jetzt, lieber Leser, nach der Lektüre eine kleine, sympathische Schnecken-Schleimspur in Ihr Herz.

Ich wünsche Ihnen eine gute Osterzeit!
Werner Sommer



Christologie ist das Nachdenken über das Leben und die Lehre Jesu Christi.
Sie bildet das Zentrum der christlichen Theologie.
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Bereitgestellt: 25.03.2021     Besuche: 46 Monat
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