Bücher, die wir lesen

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                    Sobald man etwas nur halb macht
                                        oder mit Unwesentlichem, nicht Dazugehörigem überfrachtet,
                                        wird es traurig und stil- und geschmacklos.
                    Alles, was man ganz macht,
                                        leuchtet und nimmt von allein Stil und Geschmack an.
                                        Bernhardin Schellenberger
Lesefrüchte ... ... sind Worte, Gedanken, Bilder, die bleiben, und (hoffentlich) eine Wirkung haben. Im Regelfall findet ihr hier Bücher, die Ulrike gerade liest. Wir freuen uns, wenn euch unsere Entdeckungen etwas bedeuten!

                                 Betreuung: Diese Seite wird, wenn nicht ausdrücklich anders erwähnt, von Ulrike Bittner betreut.

Lektüre, die uns gefällt ... 1. November 2018
Ich habe von Martin Suter Allmen und die Erotik (2018) gelesen. Ich habe fast bis zum Ende gelesen, dann war es mir tatsächlich zu langweilig. Die Hauptperson ist Johann Friedrich von Allmen, ein recht spezieller Mensch, Kunstliebhaber, der meist in finanzieller Not ist. Ich habe bisher alle Bücher dieser Reihe gelesen. Von Allmen nimmt Aufträge an, in denen er verschollenen Kunstgegenständen nachspürt und sie wiederzubeschaffen sucht. Im hiesigen Plot ist der Besitzer nicht wirklich am Auffinden der erotisch-expressiven Porzellane interessiert. Von Allmen soll sie unbemerkt verkaufen. Aber der ist in einem moralischen Konflikt, weil er sich in die Erbin, die Tochter des bisherigen Besitzers, verliebt hat. Er will ihr gefallen.

Für mich war dieses Hin- und Her von Personen schon in der Mitte des Buches nicht mehr interessant. Es geht nur noch darum, wer nun mit wem verbändelt ist und wer wohl wessen Interessen vertritt. Wenn man das interessant finden soll, dann hätte Martin Suter die Personen meines Erachtens vielschichtiger zeichnen müssen. So dass dem Leser/ der Leserin tatsächlich etwas an ihnen liegt.


6. Mai 2018
Ich habe mir am Flughafen in Berlin den Roman Mister Weniger (Originaltitel: Less) von Andrew Sean Greer gekauft. Der Autor hat dafür den Pulitzer Preis für Literatur 2018 erhalten. Ich habe den Roman tatsächlich innerhalb von drei Tagen gelesen.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht der Schriftsteller Arthur Weniger. Er leidet daran, alt zu werden - nämlich 50 zu werden. Und er leidet daran, dass sein letzter Long-Term-Lebensgefährte Freddy einen anderen Mann heiraten wird. Wenigers Strategie besteht darin, den Geschehnissen auszuweichen. Er nimmt Anfragen für eine Autorenveranstaltung in Italien, einen Lehrauftrag in Berlin, eine Urlaubsbeteiligung in Marokko, eine Recherche in Kyoto usw. an - um weg zu sein. ... Anfangs dachte ich: das ist ziemlich belanglos, wie der Protagonist sich treiben lässt, wie er Bekanntschaften schliesst, auf Parties geht, wie er mit sich selbst nicht im Reinen ist. ... Mir hat das Buch dann aber zunehmend gut gefallen. Ich habe es so gelesen, dass die Bekannten und Freunde mehr über Arthur Weniger wissen als er selbst von sich weiss. Wenigers Leben ist nicht so verloren und unerheblich, wie er selbst es von sich denkt. Seine Freunde rechnen mit ihm.

Bei mir hat die merkwürdige Selbstwahrnehmung des Protagonisten einige Aha-Erlebnisse ausgelöst. Es gibt um Arthur Weniger herum keine Person, die es ‹richtig› machen würde. Im Verlauf der Reise zeigt sich, dass jeder von ihnen Verluste erlitten hat und die Liebe als Aufgabe versteht. Für mich ist die grösste Stärke des Romans, dass er mit leichter Hand und mit einer unaufdringlichen Sympathie für gestörte Menschen geschrieben ist.


23. April 2017
Ich habe von Ferdinand von Schirach ‹Tabu› gelesen (2015). Sehr spannend! Die Hauptperson ist das Kind und dann der Mann Sebastian von Eschburg. Der lebt in seiner eigenen Welt. Die zeichnet sich dadurch aus, dass Sebastian seine Umwelt und die Menschen in Farben wahrnimmt:

«Nur seine Mutter hatte keine Farbe. Lange Zeit glaubte Sebastian, sie bestehe aus Wasser, und erst, wenn er in ihr Zimmer komme, nehme sie die Gestalt an, die alle kannten. Er bewunderte die Schnelligkeit, mit der ihr jedes Mal die Verwandlung gelang.» (15)

Sebastian ist ein einsames Kind und bleibt auch im Erwachsenenalter ein einsamer Mann, obwohl er beruflich Erfolg hat. Er ist Fotograf. Im Beruf lernt er seine Lebensgefährtin Sophia kennen und wundert sich, dass ihm dieser Mensch wie ‹zugefallen› ist. ... Wie immer in den Romanen von von Schirach - der ja nicht nur Schriftstelller, sondern Rechtsanwalt ist - geht es um ein - vermeintliches? - Verbrechen. .... Diesen Plot finde ich jetzt nicht so interessant, aber das Buch ist von Anfang bis Ende gut erzählt.


11. November
Merkwürdig, dass ich so lange kein Buch mehr vorgestellt bzw. empfohlen habe. Ich habe nicht mehr oder weniger gelesen als sonst auch. Jetzt gerade habe ich Die Stellung von Meg Wolitzer, 2005 (dt. 2016) zu Ende gelesen. Das ist wieder aus dem phantastischen kleinen Buchladen am Eingang vom Flughafen Tegel. Ich habe es wahrscheinlich gekauft, weil es u.a. in New York spielt, und ich ja gerade da gewesen war. Der Plot: Roz und Paul Mellow sind ein Ehepaar, das vor allem in sexueller Hinsicht sehr voneinander angetan ist. Sie veröffentlichen in den 70er Jahren ein illustriertes Buch über erfüllte Sexualität und werden damit berühmt. Das Buch ist der Schlüssel zu ihrer Zukunft, ihrem Wohlstand.

Roz und Paul haben vier Kinder, deren Leben über einen Zeitraun von gut dreissig Jahren hinweg erzählt wird. Keins der vier Kinder kommt wirklich mit sich selbst und dem jeweiligen Partner zurecht - das wir mit grosser Zuneigung zu den Protagonisten erzählt. Roz lässt sich von ihrem Mann Paul scheinen, beide heiraten erneut. Als 'ihr' Buch neu aufgelegt werden soll, und Paul sein Einverständnis dafür nicht mehr geben will, nähert sich die Familie neu aneinander an. Die Kinder sollen den Vater überreden.

'Die Stellung' ist gut geschrieben, gut zu lesen. Ich finde vor allem, dass die Beschreibung der Figuren von einer tiefen Menschenkenntnis getragen wird. Also, Lesen und eventuell Kaufen des Buches lohnt sich.


3. August 2016
Von Joachim Meyerhoff habe ich mittlerweile alle drei Bände seiner Biografie gelesen. Der Mann kann schreiben! Nebenbei habe ich von Bettina Tietjen Unter Tränen gelacht. Mein Vater, die Demenz und ich (2016) gelesen. Weil ich lieber Youtube als Fernsehen schaue, kenne ich Bettina Tietjen nicht als Fernsehmoderatorin. Meine Mutter findet sie als Moderatorin sehr sympathisch und hat ihr Buch auch gern gelesen. Die Autorin erzählt von ihrem Vater Burchard Schniewind, von den ersten Anzeichen der Demenz bis hin zu seinem Tod.

Zuerst einmal habe ich gestaunt, wie viel die beiden Töchter mit ihren Familien für ihren Vater tun. Eigentlich stimmen sie ihr ganzes Leben darauf ab, dass Besuche und Betreuung möglich bleiben. Bettina Tietjen hat dann auch einen ziemlich guten Einblick in den Alltag des Pflegeheims - einfach, weil sie Zeit bei ihrem Vater verbringt und sich mit den Abläufen und den Menschen im Heim beschäftigt. Das finde ich beeindruckend. Unter den vielen Demenzbüchern, die es zur Zeit gibt, ist dieses - in meinen Augen - ein wirklich gutes. Bettina Tietjen gelingt es, von ihrem Vater in seiner Schwachheit, Krankheit und mit seinen Merkwürdigkeiten zu erzählen, ohne ihn bloss zu stellen.

Solch ein Erzählen braucht es in unserer Zeit. So viele Menschen haben Angst davor, dass Demenz gleichbedeutend mit dem Verlust ihrer Würde ist. In der Schweiz können Sterbehilfsorganisationen wie Exit ihre Mitglieder bereits bei einer beginnenden Demenz in den Suizid begleiten. Im Beobachter 15/2016 (22. Juli 2016) gibt es ein Interview mit Dr. Marion Schafroth (Liestalerin und Vorstandsmitglied von Exit): "Wenn die Diagnose beginnende Demenz feststeht und jemand im Zustand der Urteilsfähigkeit sagt, mit dieser Perspektive will ich nicht weiterleben, dann ist die Sterbebegleitung gemäss unserer Rechtsprechung erlaubt." ... Ich: Wenn ein Mensch nicht mehr über sich selbst verfügen kann, dann darf das nicht den Verlust seiner Würde bedeuten.

Für die Theologinnen und Theologen unter uns: Burchard Schniewind ist ein Neffe des "berühmten" evangelischen Theologieprofessors Julius Schniewind. Über die Kindheitserinnerungen des Neffen erfährt man auch etwas von seiner Herkunftsfamilie - sehr interessant.

Gelesen habe ich auch Arztroman von Kristof Magnusson (2016). Es ist ein Roman über eine Ärztin, die am Berliner Urbankrankenhaus arbeitet. Und zwar in der Notfallambulanz. Diese Ärztin - Anita Cornelius - ist frisch geschieden, ihr Mann, der auch Arzt ist, hat eine neue Familie gegründet. Anita versucht ihr Leben neu zu starten. Ich finde das Buch richtig gut. Gut geschrieben und eben auch interessant.

Mich freut es immer, wenn ich in Buchläden komme, in denen selbst gelesen wird. Richtig überrascht war ich über den kleinen Laden am Eingang zum Flughafen Tegel (neben dem Lufthansa-Shop). Die haben eine dermassen gute Auswahl von Büchern und einen Grossteil selbst gelesen. Gekauft habe ich mir da einen Essayband von Ferdinand von Schirach (Die Würde ist antastbar, 2015) und noch ein paar weitere Bücher. Und in Rheinfelden (Baden) habe ich auch einen Lieblingsbuchladen. Das ist die Buchhandlung Schätzle, und die lesen auch selbst. Mit den Eigentümern kann man gut einen Kaffee trinken, sehr angenehm.


15. Juni 2016
Ich habe in den Ferien viel gelesen, darunter manchen Schrott. Ausgesprochen gut gefallen hat mir von Joachim Meyerhoff Wann wird es endlich wieder so, wie es einmal war?, 18. Auflage 2016. Als Wolfgang und ich vor einer Weile im Deutschen Theater in Berlin waren, lag das Buch dort auf dem Büchertisch. Und wurde mir wärmstens empfohlen. Meyerhoff ist Schauspieler und Regisseur und so alt wie ich. Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend in der Familie des Direktors einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Das Haus der Familie steht mitten auf dem Anstaltsgelände und die Kranken bilden den Kosmos des Jungen. Es ist unglaublich spannend, wie er von sich und seiner Familie und den Kranken erzählt.

Der Roman setzt damit ein, wie Joachim als Siebenjähriger seinen Schulweg alleine zurück legt. Und prompt einen Toten findet. Der Tote liegt in einem Schrebergarten und der Junge ist unglaublich stolz, dass ihm etwas so Besonderes widerfährt.

Hier ein Lese-Beispiel:

"Ich war eine Woche zuvor sieben Jahre alt geworden und hatte diesem Geburtstag entgegengefiebert, da ich durch ihn endlich das Recht erwarb, den Schulweg allein zurückzulegen. Von einem Tag auf den anderen durfte ich nun stehen bleiben und weitergehen, wann immer ich es wollte. Das Gelände der Psychiatrie, in der ich aufwuchs, und auch die außerhalb der Anstaltsmauern liegenden Gärten, Häuser, Straßen und Gebüsche waren wie verändert, und ich entdeckte lauter Dinge, die mir in Begleitung meiner Mutter oder meiner Brüder noch nie aufgefallen waren. Ich machte etwas größere Schritte und kam mir unglaublich erwachsen vor. Dadurch, dass ich ein Einzelner war, vereinzelten sich auch die Dinge um mich herum. Gegenüberstellungen auf Augenhöhe: Die Kreuzung und ich. Der Kiosk und ich. Die Schrottplatz-Mauer und ich.

Wie viele Entscheidungen ich plötzlich selber treffen durfte, überraschte mich. An der Hand meiner Mutter hatte ich meist vor mich hin geträumt oder mit ihr geredet und mich, nie auf den Weg achtend, zur Schule bringen lassen wie einen Brief zum Postkasten."

- Der siebenjährige Junge weicht nach einigen Tagen vom Schulweg ab, bummelt durch eine Schrebergartenkolonie, und verliert die Orientierung. -

"Endlich kam ich auf eine lange Gerade, an deren Ende ich das gesuchte Tor sah. Als ich es erreichte, war es verschlossen, aber dahinter erkannte ich meinen Schulweg. Ich sprang in die Höhe und hielt mich an der Oberkante des Tores fest. Da das Gitter engmaschig war, rutschten meine Schuhspitzen immer wieder ab, und erst als ich meine Füße flach dagegendrückte, gelang es mir, ganz hinaufzuklettern. Ich schwang ein Bein auf die andere Seite, wollte das andere gerade nachziehen und hinunterspringen, als ich direkt im Garten links unter mir im Blumenbeet einen Mann liegen sah. Ich wusste sofort, dass es ein Toter war.

Noch heute wundere ich mich darüber, dass ich nicht im Geringsten erschrak und mich auf und davon machte. Im Gegenteil: Mit hoch gespannter Wissbegierde balancierte ich rutschend auf meinem Po auf dem Eisentor stückenweise in seine Richtung. Jetzt konnte ich ihn noch besser sehen. Er war vollständig und, wie es mir vorkam, vornehm gekleidet. Ganz in beige. ... Seine Füße und Oberschenkel lagen auf der Wiese, der restliche Körper in den Blumen. Was es für Blumen waren, wusste ich nicht, aber sie waren prächtig und farbenfroh. (...)

Mein eines Bein hing über dem Garten, das andere über dem Gehweg. Ein Gedanke, erst noch etwas vage, verfestigte sich zu einer sensationellen Erkenntnis und bahnte sich schließlich seinen Weg über die Zunge zu den Lippen. 'Ich habe einen Toten gefunden', sagte ich leise, mehrmals und mit wachsender Begeisterung, 'ich hab einen Toten gefunden.'

Ich sprang vom Tor auf die Straßenseite und rannte zur Schule, stieß das Schultor auf, jagte die Treppen hoch, sprengte in meine Klasse und überbrachte laut jubilierend die frohe Botschaft: ICH HAB EINEN TOTEN GEFUNDEN!!!!' Die Lehrerin und alle Schüler sahen mich an, als wäre der Heiland höchstpersönlich durch die Klassenzimmerdecke gebrochen. Was ist hier los? Sind die taub?, dachte ich, riss meine Arme in die Höhe, ballte die Fäuste zum Sieg und brüllte noch lauter als zuvor ..."

Wir haben auch das erste Buch von Joachim Meyerhoff, Amerika, gekauft. Ich freue mich sehr aufs Lesen.

Wolfgang will vorher noch von Bettina Tietjen Unter Tränen gelacht lesen. Oder wenigstens reinlesen. Die Autorin schreibt von der Demenzerkrankung ihres Vaters Burchard Schniewind und von dem gemeinsamen Weg mit ihm in den letzten Jahren. Ihr Vater ist ein Neffe des Theologieprofessors Julius Schniewind, den Wolfgang sehr verehrt. Und über dessen Leben und theologisches Denken er gut Bescheid weiss. Das Buch der Grossnichte fügt wie ein paar Eindrücke zur Familiengeschichte der Schniewinds hinzu.

In Bezug auf die Erfahrungen mit der Demenz finde ich es gut geschrieben. Aber eben 'nur' gut. Bei Meyerhoff hat man den Eindruck, die Menschen, mit denen die Familie ihr Leben teilt, in ihren Besonderheiten wirklich kennenzulernen. Das sind präzise Beschreibungen und Würdigungen von Menschen, auch und vor allem der Kranken. Bei Bettina Tietjen bleibt vieles - in meinen Augen - allgemein. Aber die Anschaffung lohnt trotzdem, würde ich sagen.

Und dann liegt noch Die juristische Unschärfe einer Ehe von Olga Grjasnowa, 2016, bereit. Ich lese sie einfach gern.


25. Mai 2016
Mir hatte Die Deutschlehrerin von Judith Taschler so gut gefallen. Jetzt habe ich von ihr Roman ohne U (2014) gelesen. Das ist eine österreichische Familiengeschichte, die in vielen kleinen Rückblenden erzählt wird. Spannend zu lesen, aber mir persönlich etwas zu komplex. Zu den Hauptpersonen gehören der neunzehnjährige Thomas und die gleichalte Ludovica. Beide werden nach Kriegsende 1945 von den Russen nach Sibirien verschleppt. Thomas erzählt im Rückblick von den Aufenthalten in den verschiedenen Arbeitslagern, von Fluchtversuchen und der fast überall unmenschlichen Behandlung. Ich kenne solche Erzählungen noch aus dem Pfarramt in Eisenhüttenstadt. Da hatten wir russland-deutsche Aussiedler/innen, die in den Bergwerken in Workuta hatten arbeiten müssen. Ich habe damals Schüler/innen aus dem Religionsunterricht eingeladen, damit sie diese Geschehnisse noch von Zeitzeugen hören. Es waren Lebensumstände, die man sich nicht selbst ausdenken kann.


30. April 2016
Von Benjamin von Stuckrad Barre habe ich Panikherz (2016) gelesen. Für mich ist es das erste Buch von ihm. Bisher hatte mich nichts angezogen. Stuckrad Barre erzählt sein Leben als Schüler und Pfarrerssohn in Göttingen, sein Leben in Hamburg mit Musik und den Weg ins Musikgeschäft und ins Schreiben. Die ersten zweihundert Seiten fand ich spannend und gut erzählt, dann wird das Buch zunehmend zu einer Suchtgeschichte. Und irgendwie wird es dann öde, wahrscheinlich weil Sucht selbst öde ist, weil die Tage sich gleichen, die Beschäftigung mit sich selbst, die Enttäuschung über sich selbst. Ich kann mir aber vorstellen, dass das Buch für Suchtkranke eine Hilfe ist.

Es gibt im Buch (550 Seiten) einige sehr berührende Passagen. Zum Beispiel, als Stuckrad Barre von seiner erneuten Annäherung an Udo Lindenberg erzählt. Dass dieser Musikerfreund immer überzogen und betrunken wirkte, aber einer der wenigen sei, der sich auf andere Menschen einlässt und sie tatsächlich mag.

"Ich habe folgende Sensation über Udo Lindenberg mitzuteilen, etwas, das man über keinen anderen deutschen Sänger so allumfassend sagen kann: Er liebt die Menschen. Das tut er wirklich.
Ich war so dermaßen im Arsch, aber jetzt hielt ich mich am Tresen fest und stand da mit Udo - und endlich war die Angst weg. Die Angst vor allem. Ich war plötzlich zu Hause." (319)

Hier ein schönes ZEIT Interview über Panikherz und die Zeit des Schreibens in Hollywood: www.zeit.de/2016/12/drogen-udo-lindenberg-benjamin-von-stuckrad-barre-freundschaft (13. März 2016)


23. März 2016
Hier habe ich einige Eindrücke von der Buchmesse in Leipzig festgehalten. Ich war zwei Tage dort.



Im Video nenne bzw. zeige ich:

Livia Prüll, Trans* im Glück - Geschlechtsangleichung als Chance, 2016

Heiko Heinisch. Er weist darauf hin, dass viele Buchverlage aus Angst vor Reaktionen gewalttätiger Muslime die Namen von Illustratoren, Übersetzerinnen usw. nicht mehr veröffentlichen. Bzw. dass sie Schwierigkeiten haben, überhaupt Illustratoren zu finden. Es sind mehrere Übersetzer, z.B. der Satanischen Verse von Salman Rushdie, getötet worden. Der Autor hat eine Homepage: http://www.heiko-heinisch.net

Ronja von Rönne. Ich war angenehm überrascht von ihr. Im Interviewteil, den ich gehört habe, hat sie angeprangert wie verächtlich Menschen in den digitalen Medien miteinander und auch mit ihr selbst umgehen. Und gesagt, dass sie selbst nicht teilhaben will an der Herabsetzung anderer Menschen.

Leon de Winter. Er liest aus seinem neuen Roman Geronimo und erklärt, wie der Titel zustande gekommen ist.



23. März 2016
Ich lese gerade ein Buch des Psychoanalytikers Martin Altmeyer: Auf der Suche nach Resonanz. Wie sich das Seelenleben in der digitalen Moderne verändert, 2016. Er beschreibt, wie die Nutzung der sozialen Medien für viele Menschen zur Notwendigkeit geworden ist. "Erfahrungen von Umweltresonanz (gehören) zum Kern der Conditio humana" (Seite 19). Menschen müssen sich immer neu ihrer selbst vergewissern. Sich vergewissern, dass sie gesehen und gehört werden und so, wie sie sich zeigen, akzeptiert und bewundert werden. ... Ich habe in meiner Dissertation zur evangelischen Kirche als Gemeinschaft selbst über die Möglichkeiten "imaginärer Vergemeinschaftung" geschrieben. Altmeyer verstärkt und illustriert meine Ausführungen durch Beispiele zum aktuellen Gebrauch der social media - von youtube bis Dschungelcamp. M.E. lohnt es sich ob der Fülle der guten Beobachtungen, das Buch anzuschaffen.


23. Februar 2016
Zwischendurch habe ich von Leena Lehtolainen den neuen Krimi Wer ohne Schande ist, deutsch 2015, gelesen. Die Reihe mag ich einfach.

Die vierzig Geheimnisse der Liebe habe ich aufgehört zu lesen; die Rückblenden finde ich irgendwie sehr eindimensional erzählt. Der Derwisch begegnet verschiedenen stigmatisierten Menschen (Prostituierte, Bettler etc. ....) und wir hören aus ihrer Perspektive von der Begegnung. Das klingt wie Kindergottesdienst-Geschichten - aber ohne das Geheimnis, das einem beim Lesen der biblischen Geschichten ergreift. Also, ich lese, aber es passiert nichts mit mir.

An einem Flughafen-Kiosk habe ich durch Zufall Wie wir begehren, 2013, von Carolin Emcke gekauft. Sie ist vor allem eine präzise Beobachterin und Denkerin. Und da sie fast meinen eigenen Jahrgang hat, liest sich ihre Geschichte wie die Geschichte meiner Kindheit und Jugend. Diese Schulhoferfahrungen: ja, so war es. Diese Ausgrenzungserfahrungen im Klassenzimmer: ja, so war es. ... Und sehr interessante Beobachtungen, wie differenziert sie als ledige und homosexuell empfindende Frau mit Menschen in muslimischen Kulturen ins Gespräch kommt.


28. Januar 2016
Eigentlich lese ich noch Die hellen Tage (2012) von Szusa Banks. Die ersten 300 Seiten - da bin ich gerade - sind eine Erzählung über die Freundschaft zweier Mädchen. Die etwas achtjährige Teresa erzählt von ihrer Freundin Aja und besonders von deren Mutter. Die Beiden leben das meiste Jahr über zu zweit und nur im Sommer (= die hellen Tage) kommt der Vater zu Besuch. Er ist Zirkusartist und vervollständigt die ohnehin besondere Familie. Auch Teresas Mutter ist alleinerziehend und die Mutter des dritten Kindes - Karl - ist nach einer Tragödie auch mehr oder minder allein. Eigentlich ist es eine Geschichte über Frauen und wie sie ihr Leben meistern, sich einander nähern und mit ihrer Einsamkeit umgehen.

Ich habe - obwohl ich Die hellen Tage immer noch gern lese - mit Die vierzig Geheimnisse der Liebe von Elif Shafak begonnen. Ich war von Der Bastard von Istanbul so angetan. Die vierzig Geheimnisse der Liebe ist eine Parallelerzählung. Ellen, eine amerikanische Hausfrau und Mutter - eher obere Mittelschicht - soll für einen Verlag ein Gutachten verfassen. Das Buch erzählt die Freundschaft zwischen dem Sufi-Mystiker und Dichter Rumi und seinem Freund Schams - einem Derwisch. Beim Lesen merkt Ellen sofort, dass die Geschichte von etwas erzählt, was ihr fehlt: der Liebe. ... Sie beginnt einen E-Mail Wechsel mit dem Verfasser.

Ich finde den Stil von Elif Sharak - besonders, wenn Erfahrungen von Berührt- oder Ergriffensein beschrieben werden - manchmal etwas plakativ. Nicht zart genug für das, was erzählt wird. Szusza Banks hat eine ganz andere Zartheit, obwohl ihre Frauengeschichten überhaupt nicht religiös sind. Aber die Spannung rund um den Derwisch Schams und um die Hausfrau Ellen treibt mich zum Weiterlesen. Auf den ersten zweihundert Seiten sind sich Schams und Rumi noch nicht einmal begegnet. Alles ist Vorbereitung dieser Begegnung.


9. Dezember 2015
Und nun noch Die Frau auf der Treppe (2014) von Bernhard Schlink. Ich habe seine Bücher sehr gern gelesen, aber hier war mir ab Seite 200 langweilig und die letzten 40 Seiten habe ich nur noch aus Pflicht gelesen. Es erzählt die Geschichte einer Irene, um die sich zwei Männer bemühen. Der eine ist Gundlach, ein einflussreicher Geschäftsmann, der andere ist Karl Schwind, ein ebenfalls einflussreicher Maler. Sie streiten um die Frau und um ein Bild von dieser Frau. Ein Anwalt wird in den Streit hereingezogen. Der verliebt sich in Irene und aus seiner Sicht wird die Geschichte erzählt.

Als Leser/in soll man sich fragen, was die vier Personen wirklich voneinander wollen, was sie bei Irene suchen, bzw. was sie von den Männern haben will. Mir ist das bis zum Schluss nicht klar geworden. Mir fehlt hier etwas, mir kommen die Personen wie Konstrukte vor - anders als in Die Deutschlehrerin.

8. Dezember 2015
Von Judith Taschler habe ich Die Deutschlehrerin (2014) gelesen. Die Autorin ist Österreicherin und es ist ein Zufall, dass ich mir dieses Buch für den Kurzurlaub in Graz gekauft habe. Aber ein schöner Zufall, denn die Geschichte ist spannend. Mathilda Kaminski ist Deutschlehrerin und die eine Hauptperson, Xaver Sand als Schriftsteller die andere. Die beiden lernen sich an der Universität kennen und vor allem Mathilda verliebt sich in Xaver. Sie ziehen zusammen, wohnen sechzehn Jahre zusammen, bis Xaver - ohne sich Mathilda mitzuteilen - auszieht und mit einer anderen Frau eine Familie gründet.

Das Buch erzählt in der Rückblende. Mathilda und Xaver begegnen sich als Mittfünfziger, als Xaver, der mittlerweile ein erfolgreicher Jugendbuchautor ist - einen Literatur-Workshop an Mathildas Schule in Innsbruck anbietet. Sie verbringen eine gemeinsame Woche und erzählen einander, wie sie sich, wie sie ihre Vergangenheit erlebt haben. Das sind sehr unterschiedliche Perspektiven. Und sie erzählen einander fiktive (Mathilda) und recherchierte (Xaver) Geschichten, die nicht direkt von ihnen handeln, aber gleichwohl Deutungsangebote für ihr eigenes Erleben sind. Grundtenor der Erzählung ist die Frage, wie man sich für 'das Richtige', zum Beispiel die 'richtige Partnerin' entscheidet und wie man damit lebt, im Rückblick gesehen eine 'falsche' Entscheidung getroffen zu haben. Ich finde das Buch sehr lesenwert, kurzweilig, gut geschrieben.


24. November 2015
Ich habe in diesen Tagen Der Bastard von Istanbul, 2015, von Elif Shafak zu Ende gelesen. Es ist eine Familiengeschichte, die überwiegend in Istanbul spielt, und zwar in einem von Frauen dominierten Haushalt. Ich fand es gut zu lesen, wie unterschiedlich die Frauen, die überwiegend Muslimas sind, beschrieben werden. Zwei neunzehnjährige Frauen, Zeliah und Armanoush, sind die Hauptpersonen. Zeliah wächst in dem Frauenhaushalt in Istanbul auf, Armanoush in den USA. Beide Frauen sind "Suchende", wissen wenig über ihre Herkunft, was sowohl den leiblichen Vater wie ihr ethnische Erbe meint. Sie suchen sich Gesprächspartner/innen im Internet bzw. die stammtischartige Schicksalsgemeinschaft im Café Kundera. Ich weiss nicht, ob die Erzählung ein "Ergebnis" hat oder eigentlich nur die Suche und die dabei entstehenden Begegnungen, Gedanken und Gespräche wiedergibt. Auf jeden Fall fand ich das Buch interessant.


30. Oktober 2015 Ich lese jede Woche die SÜDDEUTSCHE und besonders gern das MAGAZIN dieser Wochenzeitung. Gefallen hat mir ein Interview mit dem eher unbekannten österreichischen Schriftsteller Clemens Setz. Er ist jung (32 Jahre alt) aus Graz und lebt dort auch. Anfang Dezember, also in sechs Wochen, sind Wolfgang und ich in Graz, das ist Wolfgangs Heimat. Mir gefällt, wie Clemens Setz den Wandel der eigenen Person beschreibt. Hier der Eingangsteil des Interviews (Heft 38/2015):

SZ-Magazin: Sie haben schon vier Romane, einen Gedicht- und einen Erzählband veröffentlicht, insgesamt mehr als 3000 Seiten. Wann und warum haben Sie mit dem Schreiben begonnen?

Clemens J. Setz: Bis ich 16 war, hatte ich weder ein Buch gelesen noch eine Partyeinladung bekommen. Ich war ein Nerd, blass, uncool, picklig, ohne Freunde. Stattdessen war ich süchtig nach Ballerspielen, habe programmiert, Pornobilder angestarrt, mich in Internetforen nächtelang mit anderen Außenseitern über die obskursten Dinge unterhalten – bis ich eines Tages einen Gesichtsfeldausfall erlitt.

Was ist das?
Eine Sehstörung, ausgelöst durch einen Migräneanfall. Man sieht nur noch die eine Hälfte, die andere ist weg, als hätte jemand den Monitor in der Mitte auseinandergesägt. Die Sache ist harmlos, aber das wusste ich nicht. Von einem Tag auf den anderen traute ich mich keinen Bildschirm mehr anzumachen. Eine Zeitlang versuchte ich es noch mit Computerzeitschriften – eine seelentötende Erfahrung. Es war nichts zu machen. Meine Droge war weg. Ich brauchte eine neue, ich fing an zu lesen.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Buch?
Ich begann mit kurzen Texten, Reimen, Haikus. Eines Tages bekam ich ein Bändchen mit Gedichten von Ernst Jandl in die Finger. Eines mit dem Titel Die Morgenfeier handelt von einem Mann, der beim Aufwachen entdeckt, dass er im Schlaf eine Fliege zerdrückt und ihr ein Beinchen vom Körper weggerieben hat. Er betrachtet das tote Tier, gleichzeitig fällt ihm auf, wie schön das Morgenlicht durchs Fenster bricht. Ich las es und musste weinen. Danach habe ich alles gelesen, was mir in die Finger kam, Kafka, Rilke, Trakl. Ich habe mit der gleichen Obsession gelesen wie vorher Computer gespielt.

Was ist passiert, dass Ihnen das Lesen irgendwann nicht mehr genügte?
Es kam der Punkt, wo ich diese Wohltat, die ich durch das Lesen erfuhr, dieses Liebkosen und Erkanntwerden durch einen fremden, möglicherweise bereits verstorbenen Menschen, erwidern wollte. Nur lesen und nie schreiben, das ist wie geküsst werden, ohne selbst küssen zu dürfen; ein bisschen wie Pornoschauen. Ich begann mit Parodien auf Texte von den Einstürzenden Neubauten. Kurz darauf konnte ich ohne Schreiben nicht mehr leben. Ich war und bin süchtig danach, mir Dinge auszudenken und aufzuschreiben.

Wer weiterlesen will, kann das hier tun: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/43587


2. Oktober 2015 Ich habe bereits von dem autobiografischen Buch von Nadia Bolz-Weber geschrieben (siehe Eintrag vom 10. September 2015): Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen (auf deutsch 2015). Bolz-Weber ist eine lutherische Pastorin in meinem Alter und hat das House for All Sinners and Saints gegründet - eine Kirchgemeinde, die Menschen jenseits der wohlhabenden bürgerlichen Mitte anzieht.

Bolz-Weber ist selbst in einer evangelikalen Kirche aufgewachsen. Allein die Beschreibung ihrer Kindheit und der Einblick, den sie ins Innenleben ihrer kindlichen und jugendlichen Seele gewährt, lohnt das Buch zu lesen.

„In der Gemeinde, in der ich meine Kindheit verbrachte, wurde gelehrt, ins ‚rechenschaftspflichtige Alter’ komme man mit etwa zwölf Jahren. Ins rechenschaftspflichtige Alter zu kommen hieß, dass man geistlich gesehen nicht mehr bei den Eltern mitversichert war. Mit 12 fängt in geistlicher Hinsicht die Uhr an zu ticken. Man kann jetzt richtig und falsch unterscheiden, und deshalb muss man auch für jeden Mist, den man baut, Rechenschaft ablegen. Wenn man sündigt, obwohl man richtig und falsch unterscheiden kann, und dann stirbt, bevor man sich für die Taufe entscheidet, landet man für alle Ewigkeit im Höllenfeuer. In dieser Zeit fangen also Kinder an, sich für die Taufe zu entscheiden. Die Zeitspanne zwischen dem Eintritt ins rechenschaftspflichtige Alter und dem Tag, an dem man durch die Taufe reinen Tisch macht, ist manchmal voller Schrecken. Viele von uns beteten, bloß nicht bei einem Autounfall ums Leben zu kommen, bevor wir getauft waren, so wie andere Leute beten, dass sie nicht krank werden, bevor sie über den Arbeitgeber krankenversichert sind. Zwölfjährige Kinder in der Church of Christ erleben eine Welle der Frömmigkeit, eine Grosse Erweckung, die nur aus Sechstklässlern besteht.“ (32)

Bolz-Weber sagt von sich, dass sie bereits als Jugendliche die Widersprüche im Leben und der Lehre der Gemeindeglieder durchschaut. Erst reagiert sie mit Sarkasmus, dann hält sie sich vom kirchlichen Leben fern. Sie hat keine Berufsausbildung, trinkt, wohnt in WGs und schlägt sich als Comedian durch. Sehr berührend finde ich, wie sie von ihren Freundschaften mit anderen hoch begabten, aber geschädigten Menschen im Unterhaltungsbereich erzählt.

Mit etwa 20 Jahren schliesst sie sich Frauen an, die sich dem Wicca Kult verbunden fühlen. Bolz-Weber glaubt sich auch hier von Gott geführt; spricht von einer Zwischenstation bei „Gottes Tante“.

„Eine Lehre gab es nicht. Wir redeten nie über Glaubensüberzeugungen, sondern lebten einfach nur zusammen und sprachen von der göttlichen Weiblichkeit in uns und in der Welt. Die Göttin, von der wir redeten, fühlte sich für mich nie wie ein Ersatz für Gott an, sondern einfach wie ein anderer Aspekt des Göttlichen. Gottes Tante eben.

Ich glaube, wenn ich anderen Christen von meiner Zeit mit der Göttin erzähle, erwarten sie von mir, dass ich sie als eine Lebensphase schildere, in der ich einen Irrweg ging, von dem ich nun zum Glück zu Jesus und zu meinem Verstand zurückgefunden habe. Aber so ist es nicht. (...) Tatsächlich fühlte ich mich während der ganzen Zeit, in der ich fernab der Gemeinde unterwegs war, von Gott geführt Die göttliche Quelle meines Lebens und meiner Identität wusste vielleicht, dass ich das Bedürfnis hatte, mich eine ganze Weile lang in einem weiblichen Gesicht Gottes zu sonnen, während ich der Gemeinde fern war, bevor ich heil zu ihr zurückkehren und fähig werden konnte, das göttliche Weibliche in meiner eigenen Tradition zu erkennen.“ (35-36)

Von einer Hochzeit zweier lesbischer Frauen erzählt sie: „Die Zeremonie gefiel mir sehr, und ich hatte noch nie so viele starke Frauen gesehen. Frauen mit gestrafften Schultern und kurz geschorenen Haaren, die nichts zu verbergen hatten. Wir standen im Kreis und sangen einfache Litaneien, und die beiden Bräute waren überglücklich wie andere Bräute auch, nur dass diese beiden im Stil eines Renaissancejahrmarktes gekleidet waren und sich gegenseitig heirateten. Es war die Rede von vollkommener Liebe und vollkommenem Vertrauen, und wir fütterten uns gegenseitig mit Brot und Wein und sagten: „Mögest du niemals hungern und niemals dürsten.“ Es fühlte sich an wie eine Kommunionfeier.
Irgendwie gab es mir ein sicheres Gefühl, unter lauter Frauen zu sein. Sie ließen mich bei Gottes Tante abhängen und ich wurde den Eindruck nicht los, dass sie mich mochte.“ (35)

Im Zusammenhang mit ihrem Alkoholentzug ordnet Nadia Bolz-Weber ihr Leben neu und findet wieder in einen bewussten Umgang mit Gott. Sie nimmt Konfirmandenunterricht bei einem lutherischen Pastor, der im übrigen homosexuell ist. Von ihm lernt sie neu die Grundlagen des christlichen Glaubens – meines Erachtens exzellent wiedergegeben in ihrem Buch (aufgelistet auf Seite 75). Sie schliesst: Schreiben Sie sich diese Punkte auf, lernen Sie sie auswendig, und Sie können sich eine Menge Geld für ein lutherisches Theologiestudium sparen.“ (76)

„Trocken zu werden fühlte sich für mich nie so an, als hätte ich mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen. Es fühlte sich eher so an, als wäre ich zielstrebig auf dem Weg zur Selbstzerstörung, und Gott hätte mich am Kragen geschnappt und hochgehoben, während ich hoffnungslos um mich trat, strampelte und sagte: „Hau ab. Ich nehme lieber die Selbstzerstörung.“ Worauf Gott mich kleines Würmchen mit meinem wutroten Gesicht anschaute und sagte: „Wie niedlich“, um mich dann schwungvoll auf einen ganz anderen Weg zu setzen. Ich war so etwas wie eine lutherische Nikita. (Bezug auf den Film La Femme Nikita) Ich bekam die Erlaubnis, nicht zu sterben und als Gegenleistung für Gott zu arbeiten. Ich bekam ein Leben zurück, ein reiches Leben, das ich mir nie aus dem Katalog ausgesucht hätte – ein Leben, in dem ich einen netten Mann heiraten, aufs College gehen, zwei Babys bekommen, Theologie studieren, als lutherische Pastorin ordiniert werden und eine Gemeinde gründen würde. Ich sollte mein Leben zurückbekommen, aber dafür würde ich für Gott arbeiten müssen. Ich würde Gottes Zicke werden müssen.“ (66) Und dann erzählt sie vom Leben ihrer Gemeinde: dem House for All Saints and Sinners


17. August 2015 Von Julian Barnes habe ich Vom Ende einer Geschichte, 2011, gelesen. Schade, dass das Buch irgendwann zu Ende war. Das Lesen war wie ein Unterwegs sein mit John Webster, dem Protagonisten des Romans. Die Erzählung setzt in den 60er Jahren ein mit einer Schülerfreundschaft zwischen drei jungen Männern, die um einen vierten Schüler, Finn Adrian, erweitert wird. Der vierte scheint ein bisschen anders als seine drei Freunde zu sein: noch intelligenter, konsequenter in seinem Handeln. John Webster hat eine Freundin, Veronica. Die macht dann mit ihm Schluss und wird die Freundin von Finn Adrian.

Der Grossteil des Romans erzählt - besser: rekonstruiert - im Rückblick aus einzelnen Treffen zwischen John und Veronica, was wirklich geschehen ist, als sie jung waren. Eigentlich geht es nicht nur um die Story, den Plott, sondern um dahinter liegende Fragen: Was hat wozu geführt? Was ist ursächlich? Warum hat sich der junge Finn Adrian umgebracht? Man wird schrittweise mitgenommen zu den Treffen in London, in neue Fragehorizonte und neue Bewertungen. Sehr sehr lesenswert.


10. August 2015 Eher zufällig habe ich ein Büchlein (150 Seiten) gekauft: Die Kleine Bijou (franz. 2001, deutsch 2013) von Patrick Modiano. Es liest sich ungewohnt. Obwohl der Autor ein Mann ist, wird die Geschichte aus der Perspektive der Protagonistin, der neunzehnjährigen Thérèse, erzählt. Sie lebt in Paris und meint in einer Metro-Station auf einmal, ihre Mutter zu erkennen. Von dieser dachte sie aber, dass sie vor mehreren Jahren bei einem Aufenthalt in Marokko verschollen sei. Das klingt dramatisch, aber die Mutter war auch vorher kaum anwesend gewesen. Ihre kleine Tochter war für sie ein Anhängsel, wurde mitgenommen, untergebracht, aber nicht am Leben ihrer Mutter beteiligt. Thérèse hat sich das, was sie über die Mutter weiss, aus den Äusserungen anderer Menschen zusammen gereimt.

Nun also sieht sie eine Frau im gelben Mantel und meint, ihre Mutter zu erkennen. Sie folgt ihr bis zu ihrer Wohnung. Und setzt in den nächsten Tagen und Wochen die Erinnerungen, die sie an ihre Mutter hat, erneut zusammen. Das macht der Autor auf sehr interessante Weise: Thérèse verdient ihren Lebensunterhalt als Kindermädchen. Das Mädchen, das sie betreut, ist ein Spiegelbild ihrer selbst, ein kleiner einsamer Mensch. Deren junge Eltern leben ihr Leben und nehmen die Tochter kaum wahr.

Thérèse begegnet durch einen Zufall einer weiteren Frau, einer Apothekerin, die Thérèses Verlassenheit erspürt. Die Apothekerin übernimmt wie die Rolle einer Mutter, indem sie beispielsweise einmal über Nacht bei Thérèse bleibt.

Ich fand es faszinierend zu lesen, wie auf wenigen Seiten das Leben einer Frau und das ihrer Mutter rekonstruiert wird. Äussere Fakten gibt es kaum, es ist mehr Nicht-Wissen als Bescheid-Wissen über das, was tatsächlich geschehen ist. Nun hat das Büchlein einen Mangel und das ist der Schluss. Er wirkt, als hätte der Autor plötzlich keine Zeit mehr gehabt, das Buch weiter zu schreiben: Peng, dann bin ich jetzt mal fertig. Wer ein fehlendes Ende verkraftet, dem kann ich Die Kleine Bijou als Lektüre empfehlen.


29. Juli 2015 Ich habe bereits von Americanah, dem Roman von Chimamanda Ngozi Adichie, 2013 (deutsch 2015), erzählt. Ich habe ihn bereits mehrmals verschenkt. Es ist die Geschichte zweier junger Menschen aus Nigeria, die eine Zukunft haben wollen, und diese vom Leben in den USA erwarten. Die Wahrnehmung der nigerianischen und der amerikanischen Gesellschaft ist extrem interessant, lebendig beschrieben und menschlich berührend.
Ich habe mir noch den Band Heimsuchungen, 2009 (deutsch 2012) von Adichie gekauft. Das sind Kurzgeschichten, obwohl ich sonst nicht so ein Fan von Kurzgeschichten bin.

Von Kristine Bilkau habe ich Die Glücklichen, 2015, gelesen. Während die Menschen in Adichies Roman reich an Beziehungen, reich an Familie und mehr oder weniger guten Freunden und Bekannten sind, sind die beiden Hauptpersonen in Kristine Bilkaus Roman seltsam ‹allein›. Das ist aber nicht das Thema des Buchs. Isabell und Georg sind ein junges, gebildetes Paar, das mit Kleinkind glücklich in einem Hamburger Szeneviertel wohnt. Sie ist Musikerin, er ist Journalist bei einer Tageszeitung. Alles scheint normal, bis beide - zunächst unabhängig voneinander - um ihre berufliche Existenz fürchten. Ihr Denken kreist jetzt ums Sparen und darum, den sozialen Abstieg zumindest nach aussen hin zu vertuschen. Das Thema ist aktuell, nämlich die Bedeutung, die es hat, die eigene Existenz als ‹gesichert› zu empfinden. Wenn ich den Roman richtig verstehe, liegt für die Autorin das Glück aber tatsächlich im Glück der Kleinfamilie, in der kleinen, wieder heil gewordenen, heisst sprachfähig gewordenen Beziehung. Was hier (ernsthaft) als Happy End erzählt wird, finde ich persönlich eher beunruhigend.

Mir fällt auf, dass beide Protagonisten von Berufs wegen ‹weltläufige› Menschen sind: Musik und Journalismus stehen für etwas ‹Grosses›. Und trotzdem ist die Welt der Beiden ‹eng›. Was aber nicht Thema des Romans ist, sondern als normal vorausgesetzt wird.


9. Mai 2015 Endlich gibt es einen neuen Band aus der griechischen Krimi-Reihe mit Kommissar Kostas Charitos. Er heisst Zurück auf Start (2015) und ist neben dem Band Zahltag in meinen Augen der beste überhaupt. Der Krimi beginnt mit dem Überfall auf Katerina, die Tochter des Kommissars, die als Anwältin in Athen afrikanische Klienten vertritt. Das Einwanderer-Thema dominiert auch in diesem Band, ebenso die Korruption in griechischen Behörden und die von Deutschland aufgezwungene Sparpolitik. Ich find ja immer, dass die Krimis von Petros Markaris das Zeitunglesen ergänzen und einem viele Hintergründe über die Geschichte Griechenlands seit dem ersten Weltkrieg liefern. Der Plot ist spannend: der Suizid des Deutsch-Griechen Andreas scheint in Zusammenhang mit weiteren Morden zu stehen - wieder einmal werden Menschen umgebracht, die von der Not der anderen proftitieren. Ich fand den Krimi spannend bis zum Schluss.


24. Februar 2015 Gleich zwei Bücher habe ich gelesen, die ich weiterempfehlen kann. Habe sie auch schon als Geburtstagsgeschenk für Andere gekauft. Das eine ist Gleis 4 von Franz Hohler (2015). Franz Hohler ist in der Schweiz ziemlich bekannt und hat übrigens eine interessante persönliche Website. Gleis 4 erzählt von Isabelle, einer Mittvierzigerin, die ihrer Freundin in den Urlaub hinterherfahren will. Auf dem Weg zum Flughafen, nämlich auf dem Bahnsteig in Oerlikon, fällt der Mann, der ihr freundlicherweise den Koffer getragen hat, tot um. Der Roman erzählt, wie Isabelle und ihre Tochter zunehmend in das Leben und die Geschichte dieses Mannes einbezogen werden. Einfach und gut geschrieben und spannend bis zum Schluss.

Das zweite Buch ist der neue Roman Montechristo von Martin Suter, auch von 2015. Ich finde Suters Bücher unterschiedlich gut, und dieses gehört zu den in meinen Augen richtig guten. Jonas, ein Enddreissiger, arbeitet als Videojournalist für ein Lifestylemagazin, hat aber eigentlich ernstere Ambitionen. Auch er wird mehr durch einen Zufall in eine grössere Geschichte, einen vertuschten Bankenskandal, hineingezogen. Die Story ist so spannend, dass ich schon mal zum Schluss vorgeblättert habe, ob die Protagonisten noch leben .... Der Roman hat für Schweizer/innen und Menschen, die sich ein bisschen in Zürich auskennen, einen hohen Wiedererkennungswert, also viel Lokalkolorit. Mich würde interessieren, ob die krimihaften Züge dieser Geschichte gänzlich ausgedacht sind, ob ob es einen Anhalt an der Wirklichkeit gibt.


9. Februar 2015
Hmmm, ich will mal wieder ein paar Einblicke in mein Lesen geben. Nebenbei lese ich gerne die Kolumnen von Harald Martenstein. Er schreibt für die ZEIT und den Der Tagesspiegel, eine Berliner Tageszeitung. Sein neuer Band mit gesammelten Kolumnen heisst Die neuen Leiden des alten M., Unartige Beobachtungen zum deutschen Alltag, 2014 (3. Auflage bereits). Ich finde ziemlich alle Beiträge im Band sehr lustig, weil fein beobachtet. Zudem ist es erstaunlich, wieviel Abwehr Martenstein mit seinen Kolumnen regelmässig auf sich zieht: das sieht man in den Leserbriefen, die seinen Kolumnen auf den Fuss folgen. Eine solche Abwehr von ziemlich schlichten Aussagen kenne ich vor allem aus der Kirche. Ich weiss noch, wie ich kurz nach meiner Ankunft in Liestal im Mitarbeiterkreis der Kirchgemeinde vorgeschlagen habe, zu Beginn des Treffens ein Gebet zu sprechen. Diesen Vorschlag habe ich kein zweites Mal gemacht. Kirche + gemeinsames Gebet = (verblüffenderweise) geht nicht.

Aber jetzt ist Martenstein dran. Ich zitiere den Anfang einer Kolumne, die den Titel Männer trägt:

«Ich erkläre hiermit, wieso ich so oft die Männer verteidige. Der Grund ist: Es tut sonst niemand. Es ist eine Marktlücke, wie das Katholischsein, aber das macht schon der Matussek. Im Grunde bin ich der größte Feminist von allen, nur, als Autor bringt mir das nichts. Weil aus allen anderen halbwegs talentierten Autoren bittersüßer Feminismus herausströmt, bin ich gezwungen, meinen eigenen Feminismus privat auszuleben und beruflich diese furchtbaren, aber immerhin unverwechselbaren Macho-Texte zu produzieren. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist auch für mich ein Problem.
Ich sollte während der Strauss-Kahn-Affäre einen Kommentar schreiben. Der Kommentar mündete in eine These, die ich für nicht sehr originell hielt. Aber mir fiel einfach nichts Besseres ein, außerdem wollte ich ins Schwimmbad. Ich brauche das, also das Schwimmen. Folglich schrieb ich: ‹Männer sind trotz allem keine schlechteren Menschen als Frauen.›.
Im Schwimmbad hatte ich beim Schwimmen die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen wegen der Banalität meiner These. Aber am nächsten Morgen fand ich im Computer etliche empörte Briefe vor. Der Satz ist ja offenbar doch provokativ und so gesehen eine echte Granate gewesen. Das kriege ich selber oft gar nicht mit. Man denkt, man schreibt eine Allerweltsweisheit - und halb Deutschland tobt vor Wut. Eine Frau schrieb: ‹Natürlich sind Männer schlechtere Menschen, Beweis: In den Gefängnissen sitzen fast nur Männer.› ...» (Seite 12-13)

Dann habe ich von Susan Sontag begonnen zu lesen The Doors und Dostojewski. Das Rolling-Stone-Interview mit Jonathan Cott, 2014 (2. Auflage). Eigentlich habe ich es gekauft, nachdem ich von Charlotte Link Sechs Jahre. Der Abschied von meiner Schwester, 2014, gelesen hatte. Das fand ich gut zu lesen, aber mich interessieren schon noch andere Weisen, wie Menschen mit ihrer Krebserkrankung umgehen. Ich bin noch ziemlich am Anfang des Interview-Bandes.

Das liegt auch daran, dass wir von den Bruderhof-Geschwistern in Sannerz neulich (Ende Januar 2015) einen ganzen Stapel an Büchern geschenkt bekommen haben. Mit Gewinn habe ich vor allem die Gründungsgeschichte der Bruderhof-Bewegung von Markus Baum gelesen: Eberhard Arnold. Ein Leben im Geist der Bergpredigt, 2013. Es ist gut geschrieben und vor allem auch zeitgeschichtlich interessant. Man lernt eine Menge über die evangelische Kirche, Studentenbewegungen und Freikirchen im frühen zwanzigsten Jahrhundert in Deutschland. Bei der Gelegenheit kann man den Neufeld-Verlag einmal herausstellen: Ich finde, dass ziemlich alle Bücher dieses kleinen Verlags die Anschaffung wert sind.

14. Oktober 2014
Es wird Zeit, dass das Gelesene mal wieder hier auf die Seite kommt. In zwei bis drei Stunden hat man das neue Büchlein von Martin Suter gelesen: Alles im Griff. Eine Business Soap, 2014. Den Inhalt habe ich fast schon vergessen. Ein leitender Angestellter wechselt von einem Unternehmen ins andere, weil ihm da ständig jemand ‹vor der Nase sass›, an dem vorbei er nicht aufsteigen konnte. Und sieh mal an: an seinem ersten Tag entdeckt er, dass gerade dieser Kollege auch gewechselt hat. Der Wunsch, nach oben zu kommen, wahrgenommen und von Kolleginnen und besonders von den Vorgesetzen gelobt zu werden, ist der Grundantrieb für alle Protagonisten. Das kommt dann oft anders raus, als sie es geplant haben. Es ist schon unterhaltsam, aber irgendwie beschränkt in dieser Fixierung aufs Wahrgenommen werden. Also: einmal lesen, o.k., aber ich schenke es gerne weiter, wenn es jemand haben möchte.

Dann habe ich die ersten drei von den sieben Kurzgeschichten in Haruki Murakamis neuem Buch Von Männern, die keine Frauen haben, 2014, gelesen. Endlich mal wieder ein richtig guter Murakami, auch wenn die Geschichten in keinen psychischen Zwischenwelten spielen, wie sonst öfter. Der Autor erzählt von Männern, die durch die Begegnung oder das Zusammenleben mit einer Frau sich zutiefst selbst als Mangelwesen wahrnehmen. Als jemandem, dem etwas fehlt, was sich nicht mehr ergänzen, ersetzen lässt. Sehr spannend. Ich freue mich auf den Rest der Lektüre. .... So fertig gelesen: die ersten Geschichten finde ich besser als die letzten; die kommen mir mit ihrer psychoanalytisch inspirierten Bildsprache sehr gewollt vor. Ich muss sie nochmals lesen.

15. August 2014 Neulich sind Wolfgang und ich miteinander durch einen Buchladen gebummelt - was wir leider selten tun - und haben verschiedene Bücher gekauft. Gelesen habe ich mitterweile Russische Freunde, 2011, von Matti Rönkä, eigentlich nur, weil der Krimi mit dem Finnischen Krimipreis ausgezeichnet wurde. Der Umgang der Protagonisten miteinander ist schon ziemlich gewöhnungsbedürftig, aber mir hat der Krimi zunehmend gut gefallen. Im Mittelpunkt steht Viktor Kärppa, ein junger russischer Unternehmer, der in den Norden von Finnland rückgewandert ist. Das spielt eine grosse Rolle: diese Doppelheit von Finnland und Russland. Er ist selber nur halb-sauber, was seine Geschäfte betrifft, gibt aber im Buch "den Guten". Viktor wird bedroht, wenn er nicht die ihm gehörenden Firmen an einen Russen überschreibt. Er muss herausfinden, wer ihn da bedroht und ihm ans Leben will, wenn er das nicht tut. Mit Hilfe seines Polizeifreundes Korhonen macht sich Viktor auf die Suche.
Das Besondere an der Erzählung scheint mir, dass es keine Erfahrungen von Nähe gibt, wie in den französischen oder griechischen Krimis, die ich sonst lese. Viktor ist einsam, auch mit seinen Freunden. Es ist immer nur vermutete Freundschaft, nie wirklich ausgesprochen. Aber das trifft auch was beim Leser. Also, ich würde jetzt mehr von Matti Rönka lesen, nachdem ich erst einmal begonnen habe.

17. Juni 2014 Von Hiromi Kawakami habe ich Bis nächstes Jahr im Frühling, 2014, gelesen. Mich hat das Buch sehr fasziniert, weil es sehr einfach geschrieben ist, aber viel geschieht. Die Hauptperson ist Noyuri. Sie ist mit ihrem Mann Takuya seit sieben Jahren verheiratet, als sie erfährt, dass er eine Geliebte hat. Es sind kleine Alltagsdinge, die Noyuri macht, zum Beispiel sucht sie sich einen Job in einer Arztpraxis. Die kleinen Handlungen sind von ebenso schlichten wie kurzen Selbstreflexionen durchzogen. Noyuri hält sich selbst für eine einfach gestrickte und nicht sehr spannende Frau. In den kleinen Dingen ist sie aber extrem eigenständig. Sie steht vom Tisch auf, wenn ihr die Äusserungen ihres Gegenübers nicht passen. Sie entscheidet sich, bei ihrem Mann zu bleiben, obwohl der sich von ihr trennen will. Das alles geht fast ohne Worte und im Gesamtgefüge kehrt sich die Situation langsam. Super spannend und eben wohltuend einfach erzählt.

16. Mai 2014 Ich habe ein Buch geschenkt bekommen: Warum wir Günter umbringen wollten, (ohne Erscheinungsjahr), von Hermann Schulz und Maria Luisa Witte (Zeichnungen). Die Erzählung spielt 1947 in einem niedersächsischen Dorf und wird aus der Perspektive des zwölfjährigen Freddy erzählt. Die Jungen im Dorf, Einheimische und Flüchtlingskinder aus dem Osten, arbeiten auf den Höfen ihrer Eltern oder der Bauern, bei denen sie untergekommen sind. Sie treffen sich fast täglich, um "Abenteuer zu erleben". Günter, ein Aussenseiter, weil leicht behindert, schliesst sich ihnen an. Sie demütigen ihn und töten ihn fast - als sich bei einem ihrer Ausflüge ihre ganze aufgestaute Wut entlädt. Inhalt der Erzählung ist, dass sie von jetzt an Angst haben, dass Günter reden könnte. Das würde Folgen für sie haben. Die Kinder fürchten, dass ihre ohnehin unbeliebten Flüchtlingseltern ihre Wohnung verlieren würden, dass sie selbst - wie angedroht - in die Erziehungsanstalt müssten usw.. Also beschliessen sie zu verhindern, dass Günter reden kann und locken ihn ins Moor.

Manches hinterlässt Fragen beim Lesen, zum Beispiel die Beschreibung der Spätheimkehrer, von denen jeder im Dorf weiss, dass sie bei der SS waren. Die Jungen bewegen unterschwellig die Frage, ob man nicht Günter töten darf, wenn man doch im Krieg "die Juden und die Blöden" töten durfte. Wo man in der Erzählung ein paar klare Aussagen erwartet, bleiben Leerstellen. Ich habe den Eindruck, der Autor selbst will gar nichts klarstellen. Zu ihren eigenen Untaten nehmen die Erwachsenen in der Erzählung nicht Stellung, nur zum Unrecht, dass ihre Kinder an Günter verüben.
Das Buch liest sich gut, Thema ist gut, die Illustrationen sind wunderschön. Nur die Haltung des Autors verstehe ich nicht: wahrscheinlich spiegelt sie deutsche Nachkriegsgeschichte.

12. Mai 2014 Ich habe mich an ein paar Büchern versucht, konnte mich aber nicht überwinden, sie weiterzulesen. Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Frey (2012) ist ja ein Bestseller. Ein älterer verheirateter Mann bricht auf, nachdem er eine kurze schriftliche Mitteilung von einer ehemaligen Arbeitskollegin erhalten hat. Sie ist an Krebs erkrankt und liegt im Sterben. Der Rentner läuft quer durch England, im Glauben, dass sie nicht sterben wird, bevor er sie erreicht hat. Die ersten 50 Seiten sind nach meinem Empfinden so oberflächlich erzählt und schlecht geschrieben, dass ich auf den Rest seiner Reise keine Lust mehr hatte.

In einem anderen Bestseller, Eine Handvoll Worte (deutsch 2013) von Jojo Moyes bin ich auch stecken geblieben. Aber vielleicht wird es noch etwas. Jetzt liegen noch Philomena (deutsch 2013), von Martin Sixsmith und Vom Ende einer Geschichte, (deutsch 2013) von Julian Barnes zum Lesen da. Auf beide freue ich mich eigentlich. Die Verfilmung von Philomena mit Judi Dench soll sehr gut sein, und ich möchte das Buch gerne auf englisch lesen.


23. April 2014 Von Olga Grjasnowa habe ich Der Russe ist einer, der Birken liebt, 2013, gelesen. Ich bin sehr fasziniert und habe den Roman in einem Zug durchgelesen. Dabei ist er gar keine leichte Kost. Mit wenigen Sätzen lässt Olga Grjasnowa die Personen des Romans vor einem entstehen. Es sind oft kleine Begegebenheiten, die sie erzählt, aber in ihnen wird die Lebenshaltung der beschriebenen Menschen deutlich. Sie wird gar nicht mal interpretiert, einfach nur erzählt.

Wie Mascha, die Hauptperson des Romans, kommt auch Olga Grjasnowa ursprünglich aus Aserbaidschan. Der Roman spielt überwiegend in Frankfurt und in Tel Aviv - zwischendrin gibt es Erinnerungen an die Kindheit in Baku. Die Geschichte lebt von Maschas Freundschaft mit Elias - ihrem Freund aus Thüringen -, mit Sami, ihrem libanesischen Ex-Freund, der gerade in den USA studiert, und dem türkischen Freund, Dolmetscher und Barmann Cem. Die Drei sind miteinander im Leben unterwegs, etwas konzeptlos, aber durchaus beeindruckend. Wobei konzeptlos nicht stimmt: beruflich sind alle sehr gut qualifiziert und ziemlich ehrgeizig. Man bekommt als Leser/in Einblick in verschiedene Familien, und irgendwie sind alle anders, als man sich das als Bio-Deutsche/r (den Ausdruck habe ich neulich in DIE ZEIT gefunden) von Migranten so denkt. Richtig schlecht kommen nur Elias Eltern aus Thüringen weg - vereinsamte, über-regulierte Menschen, bei denen dreissig Uhren gleichzeitig an der Wand ticken, und keiner weiss, warum.

Ich fand fast jede Seite ein eigenes High-Light, deshalb greife ich für eine Leseprobe eher zufällig ein paar Sätze heraus, in denen Mascha ihre Mutter beschreibt:

"Meine Mutter rief immer wieder an und fragte, ob sie kommen soll, was ich immer wieder verneinte. Sie kam am Sonntag und brachte die Reste vom Geburtstagsessen meines Vaters mit. Ich stellte zwei Teller auf den Tisch, legte Messer und Gabel dazu, das Essen selbst ließ ich in den Tupperdosen und wärmte nichts auf. Mutter schaute mich besorgt an, ich starrte müde zurück. Sie wollte alles über Elischas Diagnose wissen. Meine Eltern hatten sich lange den Kopf darüber zerbrochen, wie sie Elias' Namen russifizieren könnten, um ihm ihre Liebe und einen zärtlichen Diminuitiv aufzudrücken. Als mein Vater endlich Elischa ausrief, klatschte meine Mutter vor Vergnügen in die Hände - Elischa war angenommen.

Wir aßen schweigend. Ich fand es nicht unangenehm, aber Mutter hielt die Stille nicht aus und erzählte von ihrer Arbeit. Sie unterrichtete Klavier - zuerst an einer Musikschule, später an der Hochschule. Auch sie hatte am Anfang Schwierigkeiten mit dem neuen System: Ausgebildet an einem sowjetischen Konservatorium, hatte sie professionelle Standards, hinter die sie nicht zurückkonnte. Als der Vater einer ihrer ersten Schülerinnen, ein Priester, sich bei ihr beklagte, der Musikunterricht würde seiner Tochter keinen Spaß bereiten, bekam meine Mutter Herzrasen und schwitzige Hände. Sie hatte bis dahin nicht gewusst, dass Spaß der Zweck der Kunst war. Vor allem von einem Priester hatte sie so etwas nicht erwartet. [...]" Seite 26.

Ach - und von Asa Larssonhabe ich den Krimi Denn die Gier wird euch verderben, 2012, gelesen. Sehr gut geschrieben und von Anfang bis Ende spannend.

2. April 2014
Ich lese regelmässig das Salzkorn. Das ist eine Vierteljahreszeitschrift zur Anstiftung zum gemeinsamen Christenleben. Ich kenne über die Jahre den Träger recht gut, heisst Menschen, die zur Kommunität Offensive Junger Christen gehören, bzw. die dort mitgewohnt und mitgearbeitet haben. Die Beteiligten sind sehr international aufgestellt und immer sozialpolitisch engagiert. - Das als Hinführung. Im ersten Quartalsheft steht ein Interview mit einer jungen Frau, die mit ihrem nigerianischen Mann Israel und neun Kindern (davon zwei eigenen) in Nigeria lebt. Es sind sehr interessante und persönliche Beobachtungen über gemeinsames Leben und gemeinsamen Glauben in anderer Kultur. Der Ausschnitt ist etwas aus der Mitte des Interviews.

Frage: Dein Mann Israel hat eine ganz andere christliche Sozialisation erfahren. Wie findet ihr im Glauben zueinander?

Katharina Akpa: Von Anfang an verbanden uns die gemeinsame Vision und die Berufung, aber auch die Unterschiede kommen zum Tragen. Bei meinem zweiten Nigeriabesuch nahm Israel mich mit zu einem Gottesdienst. Die Predigt war ohrenbetäubend laut, die Verkündigung für mich theologisch fragwürdig. Ich war sehr irritiert, während Israel das ganz normal fand. Wir haben aber die gleiche Sehnsucht nach einem tieferen Glauben, der sich nicht in kulturellen und konfessionellen Standards erschöpft, sondern die Begegnung mit Gott sucht. Wir schätzen ähnlich Bücher, ähnliche Predigten. Es gibt wohl auch im persönlichen Glaubensleben Unterschiede. Israel steht z.B. oft nachts auf zum Beten. Mich nervt es, wenn ich nicht beten will und trotzdem nicht mehr einschlafen kann. Andererseits bewundere ich es und es fordert mich heraus.

Frage: Wie ist es mit 'Christus im Anderen', wenn man sich als Fremde unter Fremden erlebt?

Katharina Akpa: Zuerst wurde mir Gott selbst in Nigeria richtig fremd. Ich konnte mich mit fast nichts in der frommen Szene identifizieren. Mich versetzte aber die Grossherzigkeit vieler Christen hier in Erstaunen. So haben mich Freunde von Israel vier Monate lang beherbergt und mir nicht einmal das Gefühl gegeben, ich sei ihnen eine Last. Diese Gastfreundschaft - das ist für mich Gott in Aktion! Ich war auch tief berührt von der Opferbereitschaft der Missionare. Isreal selbst war sieben Jahre lang als Missionar der Great Commission Movement of Nigeria unterwegs. Oft musste er weite Strecken zu Fuss gehen, um ein Dorf zu erreichen, auf dem nackten Boden schlafen, Speisen essen, vor denen es sogar ihm gegraust hat. Ganz zu schweigen von der Lebensgefahr, wenn er einen Jesusfilm im muslimischen Gebiet zeigte.

Frage: Deine Gastgeber waren immerhin Freunde. Was ist mit den Anderen?

Katharina Akpa: Ich sehe auch in der unverwüstlichen Fröhlichkeit der Menschen inmitten harter Lebensumstände etwas von Christus, auch in der Dankbarkeit für das Leben, wo der Tod hier allgegenwärtig ist. In Deutschland haben wir die Einstellung, dass uns das Gute zusteht. Hier erleben die Menschen nahezu täglich Tragödien: Mord an Familienangehörigen, Verlust von Heimat, Hab und Gut. Wir werden viel schneller bitter und klagen Gott an. Die Menschen hier nehmen Schicksalsschläge und selbst den Tod als Teil des Lebens an. Es ist ihnen deutlicher bewusst, dass sich der grösste Teil des Daseins nicht auf dieser Seite der Ewigkeit abspielt.

Frage: Frauenschicksale gehen dir sicher besonders nahe?

Katharina Akpa: Witwen mit Kindern haben es besonders schwer, weil sie keinerlei staatliche Unterstützung bekommen. Rose, die Frau, die uns am Wochenende hilft, ist eine von ihnen. Wenn sie am Freitagabend bei uns ankommt, dann strahlt sie immer und klagt nie, stattdessen bringt sie den Kindern noch etwas Kleines mit. Oder die Stärke der Menschen, die uns Weisse oft wie Weichlinge aussehen lässt: Frauen, die ihre Kinder auf dem Rücken tragen und auf dem Kopf einen riesigen Behälter mit Wasser. Oder die Männer, die mit blossen Händen die Felder bearbeiten. Da schimmert für mich die Stärke Gottes durch.

Frage: Handelt Gott in Afrika anders als bei uns?

Katharina Akpa: Wir machen andere Erfahrungen. Ich habe hier viel über die Vollmacht gelernt, die im Namen Jesu ist. Das Böse kommt nicht so vornehm daher wie in der westlichen Welt, es springt einem unverhohlen ins Gesicht. ....

Das Interview geht weiter mit Erfahrungen von Fremdheit auch in der eigenen Familie, den Umgang mit Enttäuschungen durch korrupten Lebensstil, die Entdeckung, auf Barmherzigkeit angewiesen zu sein und aus ihr leben zu können. Man kann sich das Heft 1/2014 hier http://www.ojc.de/salzkorn/2014.html kostenlos bestellen. Nähere Hinweise auf das 'Salzkorn' finden Sie hier: http://www.ojc.de/salzkorn/anliegen.html


26. Februar 2014
Ich habe einen wunderbaren neuen Krimi gelesen, Zahltag von Petros Markaris, 2014 auf deutsch erschienen. Kommissar Kostas Charitos ermittelt Verbrechen in Athen - diesmal geht es um Steuerbetrug. Ein unbekannter Täter fordert mit ziemlich exaktem Insiderwissen Steuerschuldner auf, innerhalb einer bestimmten Frist zu zahlen. Wenn sie nicht zahlen, werden sie liquidiert. Und es kommt zu ersten Morden.

Die Athener Bevölkerung ist irritiert und zugleich freudig überrascht, dass einem Kriminellen gelingt, was der Regierung nicht gelingt. Die 'Grossen' beginnen zu zahlen. Der Krimi ist mit Episoden durchsetzt, die ihn menschlich sehr berührend machen. Er beginnt mit den Leichen von vier Seniorinnen, die nach erneuten Rentenkürzungen nicht mehr wissen, wovon sie leben sollen. Wovon aber soll die Regierung die Renten bezahlen? Die wirklich reichen Leute begleichen ihre Steuerschulden nicht und treiben damit den Staat in die Zahlungs-Unfähigkeit. Tatsächlich, so haben Experten ausgerechnt: Würden alle Steuerschuldner in Griechenland ihren Verpflichtungen nachkommen, hätte Griechenland keine finanziellen Probleme mehr.

Eigentliches Thema, mit dem der Kommissar wieder einmal kämpft, sind die Leitungsstrukturen bei der Polizei und in der Politik. Er kann sich kaum bewegen, weil er sich in einem System von Vorteilnahmen befindet. Im Zuge der Ermittlungen weigern sich Zeugen, Namen zu nennen, wenn bedeutende Personen betroffen sind, die die eigene berufliche Karriere beenden könnten. - Ich würde sagen, man kann eine Menge lernen. Gut geschrieben, berührend, spannend. Der Krimi hilft einem beim eigenen Denken.


3. Februar 2014
Von dem Bestseller Ein ganzes halbes Jahr, 2013, von Jojo Moyes war ich nicht so angetan. Aber sie hat offensichtlich ein Händchen für Themen und Gefühle, die obenauf liegen. Nun habe ich Eine Handvoll Worte, 2010, von derselben Autorin gelesen. Die Geschichte spielt schwerpunktmässig in den 60ern und Hauptperson ist Jennifer, die bei einem Autounfall ihr Gedächtnis verliert. Da ist sie Mitte 20, und hat gerade einen Mann kennen gelernt, den sie wirklich liebt. Sie kann sich aber nicht erinnern, sondern rekonstruiert ihre Liebe aus ein paar Briefen, die ihr Anthony geschrieben hatte.

Ich verrate nicht, wie es weiter geht. Bleibt Jennifer in der Ehe mit ihrem ungeliebten Mann Laurence?

Das Thema im Buch ist meines Erachtens, ob es wichtig ist, wirklich Leben und Alltag miteinander zu teilen. Oder ob es ausreicht, dass man weiss, dass jemand da ist, der einen wirklich liebt. Auch wenn man faktisch nicht zusammen kommt. Na ja. Ich will ja nicht zu viel verraten. Jojo Moyes vertritt eine idealistische Meinung: Ideen sind wichtiger als Leben.

Krass anderer Meinung ist dagegen Julia Engelmann. Leben ist für sie nur das, was man tatsächlich getan hat, und nicht das, was man fast getan hätte oder auch nur gewollt hat. In den social medias wird Julia Engelmann erstaunlich heftig angegriffen. Wer sie noch nicht kennt, kann hier reinhören https://www.youtube.com/watch?v=DoxqZWvt7g8.


23. Januar 2014
Ich habe ein sehr inspirierendes SPIEGEL Interview mit Wolfgang und Helene Beltracchi gelesen. Es ist schon älter, vom März 2012. Beltracchi hat Bilder gefälscht, indem er die "Lücken im Werk" , vor allem von deutschen und französischen Expressionisten "aufgefüllt" hat. Ich finde es schon sehr beeindruckend, wie Beltracchi an die Sache heran gegangen ist. Mit wie viel Freude an der Wahrnehmung, mit wie viel Fachwissen auch. Und es ist auch beeindruckend, dass er mit der bald anstehenden Haftentlassung finanziell noch einmal von vorne anfangen muss, es ihm aber nicht viel auszumachen scheint. Der Mann weiss, wovon er zehrt. Hier ist ein Auszug aus dem Beginn des Interviews.

SPIEGEL: Warum können Sie das eigentlich so gut?
Beltracchi: Ich glaube, die wichtigste Voraussetzung ist, das Wesen eines Kunstwerks zu erfassen. Man schaut es sich an, nimmt es quasi in sich auf, man muss sehend verstehen können, ohne darüber nachzudenken, wie das gemacht wurde. Ich konnte das schon als Kind.

SPIEGEL: Es gibt in England einen Mann, der nach einem Hubschrauberflug über London ein Panorama der Stadt aus Vogelperspektive bis ins kleinste Detail nachzeichnen kann. Das ist verblüffend.
Beltracchi: Der hat so eine Art Autismus. Ich habe das nicht.

SPIEGEL: Wann haben Sie angefangen zu malen und zu zeichnen?

Beltracchi: Mit zehn oder zwölf. Mein Vater war Kirchenmaler und Restaurator, wir lebten in Geilenkirchen, in der Nähe von Aachen. Ich habe ihm öfter geholfen. Wenn er Kopien Alter Meister malte, waren manchmal die Hände nicht so gut, und ich fragte ihn: Papa, was ist denn da passiert? Meine Schwester behauptete, dass ich als Kleinkind wirkte, als sei ich behindert: Der Wolfgang, der hat immer nur dagesessen und geguckt. Das Interessante ist, dass ich im normalen Leben die einfachsten Dinge nicht sehe. Ich stolpere oft oder falle sogar hin. Aber wenn ich zeichne oder mir ein Bild anschaue, dann schalte ich eine Art Overdrive an und sehe einfach anders als andere Menschen.

SPIEGEL: Vor Gericht haben Sie erzählt, wie Sie für Ihren Vater einen frühen Picasso kopierten.
Beltracchi: Ich war 14, und mein Vater gab mir diese Postkarte. Ich durfte zum ersten Mal seine Ölfarben benutzen. Mir gefiel das Original nicht, das war mir zu traurig, also habe ich es verändert, ein Tuch weggelassen, das Bild weniger monochrom gestaltet. Das Malen dauerte einen Nachmittag lang. Mein Vater hat zwei Jahre lang keinen Pinsel mehr angerührt.

SPIEGEL: Weil es so gut, so schnell gemalt war?

Beltracchi: Die Zeit, in der so ein Bild entsteht, die Bewegungen, das macht den Duktus aus. Wenn ein Maler damals zwei, drei Stunden für eine kleine Leinwand brauchte, dann darf man selbst nicht schon in einer Stunde oder erst in vier Stunden fertig werden. Dann stimmt der Duktus irgendwie nicht.

Das ganze Interview findet man hier www.spiegel.de/spiegel/print/d-84251252.html


30. Dezember 2013
Von Francesca Segal habe ich Die Arglosen, 2013, gelesen. Der Roman spielt im Miteinander einiger jüdischer Familien in London bzw. den USA. Rachel und Adam wollen nach langjähriger Beziehung heiraten, und alle bereiten sich auf die Hochzeit der beiden vor. Adam lernt die schöne Cousine seiner Freundin kennen und mit ihr eine andere unkonventionelle Art zu leben. Er verliebt sich in Ellie, bleibt dann aber doch bei Rachel, als diese ein Kind von ihm bekommt.

Meiner Meinung nach geht es im Roman um eine Güterabwägung. Was ist Adam wichtiger? Die Wahl zu haben und sich für diese faszinierende Cousine zu entscheiden, oder bei der Freundin, von der man weiss, was man hat - und in deren familiären Umfeld leben zu dürfen? Das Thema ist interessant, aber die Erzählung bleibt trotzdem oberflächlich. Ich verstehe jedenfalls nicht, warum Adam nun doch bleibt. Das kann er ja, aber warum? Und gut geschrieben - oder übersetzt, keine Ahnung - ist das Buch auch nicht. Besonders in der ersten Hälfte wird jeder Satz dreimal wiederholt. Eigentlich schade, denn die Geschichte ist gut.

18. Dezember 2013
Wolfgang und ich haben ein ausgesprochen schönes Buch geschenkt bekommen: Michael Goldberger, Schwarzes Feuer auf weissem Feuer ( 2012). Die Thora wird von glaubenden Juden 1x im Jahr durchgelesen und ist dafür in 54 Abschnitte aufgeteilt, die sogenannten Wochenabschnitte. Der Leseplan hilft dabei, die Wochenabschnitte zu verstehen. Auch für Christinnen und Christen ist das sehr interessant.

Unten gebe ich euch ein Beispiel dafür, wie Goldberger den Abschnitt in 1. Mose 50,15-26 erklärt. Es geht um die Frage, warum die Brüder Josephs wiederum misstrauisch sind und nicht glauben können, dass Joseph es gut mit ihnen meint. Goldberger stellt die Frage, wie es geschehen kann, dass Worte das "Herz" des andern erreichen.

Dafür erzählt er unter anderem von einer Begegnung zwischen dem jüdischen Gelehrten Dov-Bär und dem Baal Schem Tov, dem Begründer der chassidischen Bewegung:

Im Jahr 1710 wurde in Wolhynien Dov-Bär geboren. Schon in seiner Jugend zeichnete er sich als brillianter Schüler aus und entwickelte sich zu einem anerkannten Gelehrten. Gleichzeitig war er ein erbitterter Gegner des Chassidismus. (Das sind in etwa die jüdischen “Pietisten”.) Als er einmal Baal Schem Tov besuchte, tat er dies als Kranker, der sich nach Heilung sehnte, und nicht als Pilger, der einen Meister suchte.

Das Treffen der beiden so unterschiedlichen Charaktere verlief denn auch ziemlich ernüchternd. Zum Schluss reichte Baal Schem Tov dem Besucher eine Thora und bat ihn, eine schwierige Stelle zu interpretieren. Dov-Bär vermochte dies natürlich, doch zeigte sich Baal Schem Tov äusserst unzufrieden. Schliesslich herrschte ihn Dov-Bär an und meinte, er möge es doch besser machen. Baal Schem Tov begann sofort mit seiner Interpretation. Die entsprach wortwörtlich der von Dov-Bär, worauf dieser Einspruch erhob. Er wollte wissen, was nun der Unterschied zu seinen eigenen Ausführungen sei.

Der Baal Schem Tow antwortete ihm: “Gewiss, du hast vorhin weise Worte gesprochen, allein deinem Wissen fehlte die Seele. Ich habe genau das Gleiche gesagt, aber mit innerem Feuer.” Dies war die Wende. Dov-Bär spürte, wie er vom Feuer des Baal Schem Tov aufgewühlt und angesteckt wurde. Er wurde sein Anhänger, sein Schüler, und schliesslich – dann schon bekannt als der grosse Maggid von Mesritsch – sein Nachfolger.

(Stellenweise zitiert aus: Michael Goldberger, Schwarzes Feuer auf weissem Feuer, 144)

8. November 2013
Ich habe gerade von Jojo Moyes, Ein ganzes halbes Jahr (2013), gelesen. Das Buch findet sich auf Bestsellerlisten und hat innerhalb eines Jahres in Deutschland seine 11. Auflage erreicht. Zuerst mal: Das Buch ist nicht gut geschrieben, bzw. vielleicht ist auch die deutsche Übersetzung nicht gut. Es hat aber den Anschein, als bekommt hier das Menschliche Raum. Louisa, 26 Jahre, ist Protagonistin. Sie ist selbst eine leichte Aussenseiterin, aber eine total sympathische. Sie hat keine grossen Ziele für ihr Leben, will die auch gar nicht haben, jobbt in einem Café. Sie wohnt bei ihrer Familie, und Familie ist ein grosses Thema im Buch. In Louisas Familie leiden alle an Arbeitslosigkeit und schlechten Arbeitsverhältnissen, bekommen manches nicht auf die Reihe, aber halten gut zusammen.
Das Buch setzt mit Louisas Kündigung ein, und sie muss sich einen neuen Job suchen. Sie bekommt das Angebot, für ein halbes Jahr bei Will, einem querschnittsgelähmten Mann [er ist Tetraplegiker] zu arbeiten, der nur wenig älter als sie ist. Das Thema vom Buch ist, dass er sein jetziges Leben nicht mehr als sein Leben empfindet, nicht mehr als seine Identität, und seinen Suizid plant. Louisa will ihn davon überzeugen, dass das Leben lebenswert ist, und setzt alles dafür ein. Sie gewinnt Will lieb und die Erzählung führt auf den Höhepunkt einer gemeinsamen Reise.
Will bleibt in diesen Erfahrungen dabei, dass dieses Leben nicht mehr seines ist, lässt sich in die Schweiz fahren und töten.

So what? Warum ist dieses Buch ein Mega-Seller?Ich habe schon besser geschriebene Liebesgeschichten gelesen. Das Buch ist nicht gut geschrieben meiner Meinung nach. Auch nicht fein gedanklich ausgearbeitet. Die Personen sind Stereotypen. Es muss der Inhalt sein, der die Leserinnen und Leser bewegt. Die Frage nach Selbstbestimmung, die nicht einmal mehr durch die Liebe infrage gestellt werden kann.

Mich erschreckt das. Es geht letztlich um eine Abhandlung darüber, welche Grundkräfte die stärkeren sind. Selbstbestimmung ist eine wichtige und starke Kraft. Das Buch kommt zur Entscheidung, dass Selbstbestimmung stärker ist als das Lieben zweier Menschen. Vielen Dank dann mal. War's das wirklich?


21.1.2013
Eigentlich geht es nicht um Lektüre, sondern um ein Podiumsgespräch mit dem Bischof Peter Henrici. Trotzdem an dieser Stelle...

Letzten Freitag war ich zu einem Vortrag Christliche Mission in China. Damals und heute an der Uni Zürich. Hingegangen bin ich, weil man so viel über China und das Wachstum der Kirche dort hört, und weil der Vortrag von Jesuiten gehalten wurde. Ich kenne keine Jesuiten persönlich – ausser Christian Herwartz in Berlin (Exerzitien auf der Strasse>), aber der ist bestimmt kein typischer Jesuit. Seit dem Vortrag lese ich ein Interview-Buch mit Aloysius Jin, dem 96 jährigen Bischof von Shanghai (Christus in China)

Es war ein Kurzvortrag mit anschliessender Podiumsdiskussion. Zuerst einmal fiel mir das hohe Durchschnittsalter der zahlreichen Anwesenden auf. Dann, dass sich ein grosser Block von blonden älteren, ich glaube gebildeten Frauen direkt vor der Nase der männlichen Referenten niedergelassen hat. Was ist da nur los? Zum Dritten, dass ich als Evangelische da, wo es um Theologie ging, die katholische Sprache nicht verstanden habe. "Nein, wir wollen nicht missionieren. Und auch mit dem Evangelisieren sind wir zurückhalten. Wir verkündigen das Evangelium." Hmm. Ich hätte es schon interessant gefunden, was dann Verkündigung heisst und wofür die Jesuiten die Menschen in China gewinnen wollen.

Und auch die Bewertungen waren mir nicht klar. Der Jesuit Matteo Ricci hat sich wohl grosse Verdienste in China erworben. Der Inkulturation halber hat er sich wohl zuerst als buddhistischer Mönch verkleidet und dann gemerkt, dass denen auch keiner richtig zuhört. Daraufhin als Mandarin, Gelehrter, was er ja wahrscheinlich auch war. Er hat den Chinesen den christlichen Glauben nahegebracht, indem er Jesus von Nazareth ausgelassen hat – es wäre wohl anstössig für die chinesische Kultur, dass Gott stirbt.
Matteo Ricci hat den christlichen Gott als Höhepunkt und Vollendung konfuzianischer Weisheit an den Mann gebracht. Er hat also den Konfuzianismus christlich interpretiert.

Ich hatte den Eindruck, die Referenten fanden das vorbildhaft. Jedenfalls sagten sie, dass man die Bibel im heutigen China nicht mehr von der Kultur des Neuplatonismus her lesen solle – wie das ja tatsächlich auch in evangelischer Gemeindetheologie in Dt und der CH geschieht, es merkt nur keiner - sondern vom Konfuzianismus her. Meine Frage: Warum nicht von den jüdischen Wurzeln her die Bibel lesen lernen?

Vieles war interessant, was in Nebensätzen mitschwang: Dass Chinesen eine Kultur des <Sowohl-als auch> haben, dass <Beziehung> wichtiger als <Einmütigkeit> ist, dass die junge Generation heute sich in einem Wertevakuum findet. Dementsprechend spielte Wirtschaftsethik als christlicher Beitrag für China in der Diskussion eine Rolle. Der Vortrag war auf jeden Fall eine gute Hilfe, mit den Entwicklungen in China vertraut zu werden.

20.1.2013
In Graz vor ein paar Wochen habe ich mir einen österreichischen Krimi gekauft. Den aber nicht da gelesen (hatte ja genug anderes zu tun), sondern in den letzten Tagen. Die Tote vom Naschmarkt, 2012, von Beate Maxian ist ziemlich spannend und gut geschrieben. Hauptperson ist die Journalistin Sarah Pauli, die persönlich auf die Existenz der Leiche aufmerksam gemacht wird. Da will jemand Aufmerksamkeit auf Machenschaften in der Stadt lenken, aber es bleibt bis zum Schluss überraschend, wer denn wem und warum an den Karren fährt. Gut geschrieben, sympathische Protagonisten. Den ersten Krimi von Beate Maxian werde ich mir trotzdem nicht kaufen, da der zweite schon ziemlich viel vom ersten verrät. Man muss also beim Lesen, die Reihenfolge einhalten...

5. Juni 2012
Jetzt habe ich mal wieder ein Buch in einem Zuge durchgelesen, so spannend war es - und so viel Zeit habe ich offensichtlich... Letztes Jahr ist von Martin Suter Allmen und die Libellen erschienen. Allmen ist dabei der Name des Protagonisten, eines mittelalten Schweizers, der finanziell über seinen Verhältnissen lebt, aber das mit Stil. Dieser gewisse Stil, seine Grosszügigkeit, und die Beziehung zu seinem lateinamerikanischen Butler machen die Erzählung besonders. Allmen hat ein System entwickelt, wie er mit seinen Schulden leben kann, ist aber trotzdem auf Gelegenheitsdiebstähle in Antiquitätenläden angewiesen. Eines Tages stiehlt er eine kostbare Glasschale - eine 'Libelle' - und mit diesem Diebstahl zeigt sich ein ganzes Netz von ehrwürdigen Bürgern, die auch in die Geschichte dieses Diebstahls verwickelt sind. Sehr spannend, schlicht geschrieben und irgendwie schweizerisch.

22. Mai 2012
Von Liza Marklund habe ich den Krimi Olympisches Feuer, 2012 (obwohl schon einmal 2000 in deutsch veröffentlicht), gelesen. Sie schreibt einfach gut und konzipiert die Geschichte sorgfältig. Hauptakteurin ist die Journalistin Annika Bengtzon, die mit ihrer Berichterstattung eine Anschlagserie auf Olympia-Vorbereitungen begleitet. Sie selbst vermutet persönliche Motive für die Anschläge und findet das dann auch bestätigt. Spannend und auch recht informativ der Krimi.

<3. März 2012
Wir waren Anfang Februar für einige Tage in St. Petersburg. Das war der Anlass, dass ich in einer Buchhandlung Goodbye Leningrad, 2011, von Elena Gorokhova gekauft habe. Ich habe die mehr als vierhundert Seiten in zwei Tagen gelesen, so spannend ist das Buch. Die Autorin erzählt in der Ich-Perspektive ihre Geschichte, die eng mit der ihrer Grossmutter und Mutter zusammenhängt. Eigentlich ist es ein Frauenroman. Die Männer sterben im Krieg oder werden verhaftet oder sterben, weil sie auch als gute Genossen keine Einweisung ins Krankenhaus bekommen haben.

"Ich wünschte, meine Mutter käme aus Leningrad, aus der Welt Puschkins und der Zaren, granitener Ufer und schmiedeeiserner Geländer, perlmutterfarbener Kuppeln, die den niedrigen Himmel stützen. Leningrads Kultiviertheit hätte sie gleich beim ersten Atemzug angesteckt, und all die gewölbten Fassaden und erhabenen Brücken, die seit über zwei Jahrhunderten in der feuchten, salzigen Luft der Stadt marinierten, hätten sie mit ihrer Finesse nachhaltig geprägt.

Aber so war es nicht. Sie kam aus der Provinzstadt Iwanowo in Zentralrussland, wo in der Küche Hühner lebten und unter der Treppe ein Schwein hauste, wo die Straßen ungepflastert und die Häuser aus Holz gebaut waren. Sie kam von da, wo man die Teller ableckt.

Drei Jahre vor Russlands Wandlung zur Sowjetunion geboren, wurde meine Mutter zu einem Ebenbild meines Mutterlandes: herrisch, wachsam, schwer zu verlassen. Unsere Wohnung war der Sitz des Politbüros, meine Mutter dessen ständige Vorsitzende. (Der Anfang des Buches, Seite 7)

Elena Gorokhova erzählt ihre Kindheit, Jugend- und Studienzeit - und eines wird sich immer wiederholen. Ihre Wahrnehmung steht in einem Widerspruch zur gesellschaftlichen Wirklichkeit und sie lernt, 'uneigentlich' zu kommunizieren. Jeder weiss vom andern, dass er anderes denkt und sagt, als er meint. Elena richtet sich darin ein, niemandem über ihre wirklichen Fragen und Gedanken Bescheid zu geben.

Eine Szene aus der Grundschule. Die Lehrerin Wera Pawlowna erzählt von einem heldenhaften Jungen namens Pawlik, der dem örtlichen Sowjet verraten hat, dass sein Vater - ein reicher Bauer - im Keller Getreidesäcke hortet.
In Elenas Klasse gibt es einen kleinen Jungen, der als Schlusslicht der Klasse gilt, der heisst Dimka.

"<Was geschah mit dem Vater?>, fragt Dimka aus der letzten Reihe- Wera Pawlowna hält inne und sieht ihn mit einem verzweifelten Lächeln an. Selbst wenn man nicht weiß, was mit Pawliks Vater geschah, weiß doch jeder, was mit ihm geschehen sein muss, nachdem er Weizen vor hungernden Menschen versteckt hat.

<Wegen dieses schweren Vergehens und weil er sich über Stalins Anordnung, die gesamte Ernte dem Volk zu übergeben, hinweg gesetzt hat, wurde Bürger Morosow der Ältere verhaftet und verbüßte zehn Jahre im Lager>, verkündete Wera Pawlowna.
Ich bin mir nicht sicher, ob es heldenhaft ist, seinen Vater zu verraten, so dass er nach Sibirien geschickt wird, selbst wenn irgendjemand dadurch vor dem Hungertod gerettet wurde. Aber wie die anderen sage auch ich nichts, um Wera Pawlowna bei ihrer Huldigung von Pawlik Morosows Umsicht und Wagemut nicht zu widersprechen. Wir alle wissen, manche Dinge sind derart offenkundig, dass man nicht darüber diskutiert. Man diskutiert nicht über das, was in den Geschichtsbüchern steht. Man tut so, als würde man Pawlik Morosow für einen wahren Helden halten, der einen Orden verdient, genauso wie wir im Kindergarten so taten, als würden wir das Brot mit der ranzigen Butter kauen.

Aber Dimka kennt aus Unwissenheit oder Dummheit die ungeschriebenen Gesetze nicht. Im Gegensatz zu uns denkt er nicht nach, bevor er etwas sagt. Er probt nicht in Gedanken, um sicherzugehen, dass das, was aus seinem Mund kommt, den Statuten der Pioniere entspricht. Daher stellt er von Zeit zu Zeit eine interessante Frage." (Seite 75)


Gottes Sehnsucht in der Stadt, 2011, ist ein leicht verständlich geschriebenes und trotzdem theologisch sehr fein reflektiertes Buch. Inhalt: Wie sich Gemeinde organisieren muss, um Gemeinde mit den Menschen von heute zu sein. Es geht um eine Pluralität von gemeindlichen Lebensformen.

Die Autoren der einzelnen Beiträge haben alle eine gute Kenntnis darüber, wie die Kirche von England mit den massiven Abbrüchen von christlicher Tradition, dem Verlust ihrer Mitglieder und dem damit einhergehenden Einbruch der Finanzen umgegangen ist. Sie hat neue Formen kirchlichen Lebens gesucht und diese neuen Formen als Landeskirche sehr aktiv unterstützt. Sie hat also nicht einfach resigniert und hat das Feld auch nicht den Freikirchen überlassen.

Ich selbst habe in den 80ern ja auch in England studiert. Mir ist das nicht neu, aber im deutschen Sprachraum gibt es immer noch wenig Interesse am Erfahrungsvorsprung der anglikanischen Kirche. In gleicher Weise empfinde ich in der Schweiz eher wenig Interesse am Erfahrungsvorsprung der deutschen Landeskirchen mit ihren Mitgliederverlusten und mit den beginnenden Neuorientierungen und Aufbrüchen in den letzten Jahrzehnten.

Für die, die neugierig sind, wie Gemeinde nach Traditionsabbrüchen wieder beginnen kann, und wie andere Kirchen das angegangen sind, ist Gottes Sehnsucht in der Stadt eine Fundgrube. Das Buch ist herausgegeben von Philipp Elhaus und Christian Hennecke. Sie haben wirklich nur erfahrene Menschen, die ihr Herz auch theologisch an den Gemeindeaufbau gegeben haben, um Beiträge gebeten. Mein Favourite ist ja der Katholik Medard Kehl. Der ist unserer Zeit um Jahrzehnte voraus und trotzdem absolut bodenständig.

Jetzt ein paar Eindrücke aus dem Buch

John Finney: „In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts haben wir in England damit begonnen, eine große Menge an Fakten zu sammeln; wir ließen uns von Statistiken keine Angst mehr einjagen. Dabei ging es zunächst um Fakten hinsichtlich der Finanzen: uns ging ganz einfach das Geld aus.“ (93)

„Und dann sammelten wir noch Fakten darüber, was Menschen in England tatsächlich glauben im Blick auf Gott, welche Gottesbilder sie haben, wie Menschen zum Glauben kommen – und zur Kirche.“ (93)

Die Fakten weisen auf eine Situation des Umbruchs „und dass wir uns auf diese Situation einlassen müssen – mit Hoffnung und nicht mit Verzagtheit.“ (94)

Michael Herbst resümiert: Die Church of England hat gelernt, die nüchterne Analyse der Lage mit einer neuen Wahrnehmung des missionarischen Auftrags zu verbinden und mit einer „hohen Bereitschaft zum Wagnis hinsichtlich kirchlicher Organisationsformen“. (45)

Michael Herbst: Während der Fokus deutscher Forschung (...) eher dem religiösen Individuum gilt und seiner Haltung gegenüber Glauben und Kirche oder aber die Stabilität der Kirche insgesamt ins Auge fasst (...), beachtet die anglikanische Religionssoziologie Themen, die die Gesundheit von Gemeinden zum Gegenstand der Forschung macht.“ Was führt zu Verlebendigung des persönlichen Glaubens und der Gemeinde? „Wir müssen uns verständigen, was wir unter einer gesunden bzw. wachsenden Gemeinde verstehen“. (45 und 52)


Vorwärts, nicht rückwärts

„Es geht also nicht um eine Rückkehr-Strategie: Kommt zurück in die Art und Weise, wie wir Kirche leben. Es geht um eine Vorwärts-Strategie: mit diesen Menschen und für sie gemeinsam Kirche in ihrer Kultur bauen! Der für die anglikanische Theologie so wesentliche Aspekt der Inkarnation wird hier konsequent missionstheologisch interpretiert: Was Gemeinde in einem Kontext sein soll, steht nicht von vorneherein fest, sondern ergibt sich erst am Ort. Die, die Gemeinden für andere und mit anderen beginnen, müssen sich tief im Kontext verwurzeln und offen sein für das Modell von Kirche, das dann als <fresh expression> erscheinen wird.“

Damit ist ein „Monopol von Strukturen (und seien sie so ehrwürdig wie die Parochialstruktur) ebenso ausgeschlossen wie das schlichte Kopieren (...) bewährter Gemeindemodelle“. (64)

Es braucht eine Entschlossenheit der kirchenleitenden Gremien, sich der missionarischen Herausforderung zu stellen. Das ist nicht Sache einer missionarisch interessierten Minderheit. In England sind Bischöfe (!) und ganz normale Gemeindeglieder die Träger des Aufbruchs. In Deutschland haben wir ein Problem mit den mittleren Leitungsebenen der Kirche; die sind weitgehend veränderungsresistent.

Unsere Gemeinden müssen anspruchsvolle Bildungsziele haben. Man sucht nicht nur den Kontakt mit Menschen, sondern ihren Anfang im Glauben. Nicht nur ihren Anfang im Glauben, sondern ihr Wachstum im Glauben. Nicht nur ihr Wachstum im Glauben, sondern, ihren persönlichen Einsatz im Dienst fürs Quartier und andere Menschen. Das braucht geistlich geprägte Menschen, die das an die Hand nehmen, und systematisch aufgebaute Programme.


Philipp Elhaus, Christian Hennecke: Die Kirchen in Deutschland tun sich schwer mit Fresh Expressions of Church. Warum? Auf „deutschem Boden wollten die Samen der neuen Gemeindeideen keine tiefe Wurzeln schlagen.“ Warum nicht? „Es fehlt der Humus einer missionarischen Kultur, die von geteiltem leben und Christuszeugnis auf Augenhöhe geprägt ist. Unter dem Bodendecker der flächendeckenden Versorgung und der pfarramtlichen Zuständigkeiten können sich neue Gemeindeformen mit ihrem unklaren kirchenrechtlichen und finanziellen Status nur schwer entfalten.“ (29)

Angaben zum Buch: Philipp Elhaus und Christian Hennecke (Hrsg.), Gottes Sehnsucht in der Stadt. Auf der Suche nach der Gemeinde für morgen, Echter-Verlag, 2011


8. November 2011
Es ist nicht so, dass ich in den letzten Wochen nichts gelesen habe, aber ich habe einige Missgriffe getan. Zum Beispiel finde ich Charlotte Links (Kriminal) Romane verlässlich gut. Eigentlich. Aber der Roman Schattenspiel, ist so schlecht geschrieben und so schlecht konzipiert, dass ich nicht glaube, dass er überhaupt von Charlotte Link ist.
Das Gleiche gilt für den letzten Kriminalroman des inzwischen verstorbenen Autors Andreas Franz. Der konnte schreiben. Aber Eisige Nähe, 2011, ist grottenschlecht erzählt und einen wirklichen Plott gibt es auch nicht. Schlecht zu lesen und ärgerlich ausgedacht und unspannend.

Recht gut dagegen finde ich das dritte Buch des Berliner Anwalts Ferdinand von Schirach. Nach den ersten beiden Bänden mit Kurzgeschichten von Verbrechen, geht es in Der Fall Collini, 2011, um einen einzigen Mordfall. Als Identifikationsfigur für den Leser/ die Leserin ist der junge Anwalt des Angeklagten eine zentrale Figur im Roman. Kein Mensch weiss, warum der Angeklagte Collini einen alten und schwerkranken Unternehmer umgebracht hat. Auch sein eigener Anwalt weiss das nicht. Dann wird der Zusammenhang aufgedeckt, nämlich ein Verbrechen der SS an der italienischen Zivilbevölkerung.
Der Schreibstil ist schlicht und eher sachlich, aber gerade das hilft, die 'Seelenlage' der Beteiligten lesend zu erfassen. Ich habe 'Der Fall Collini' an einem Abend gelesen.

2. August 2011
Endlich mal wieder ein Glücksgriff. Ich habe den Kriminalroman Faule Kredite, 2010, von Petros Makaris gelesen. Und weil mir der Buchhändler vorausschauend auch andere Bücher von Makaris auf den Tisch gelegt hat (meine Buchhandlung hat so eine Lese-Ecke), habe ich Die Kinderfrau, 2008, und das ältere Nachtfalter auch gleich gelesen.

Die Anschaffung, vor allem von Faule Kredite, lohnt sich. Makaris ist Grieche und sein Protagonist ist Kostas Charitos, Kriminalkomissar in Athen. Faule Kredite setzt ein mit der Ermordung von Verantwortungsträgern im Bankgewerbe. Die Morde sind eigentlich nur Ausdruck der wirtschaftlichen und menschlichen Misere, in denen sich die Menschen in Griechenland befinden. Eigentlich geht es um die aktuellen Sparmassnahmen der Regierung und die Auswirkung auf das Leben der Durchschnittsbürgerinnen und -bürger und um den Stand Griechenlands in der Europäischen Union.

Makaris schafft es, dass einem Griechenland auf eine sympathische Weise nahe kommt - auf eine ganz andere Weise als über die Berichterstattung in Zeitungen. Viel Lokalkolorit aus dem Leben Athens und viel Persönliches durch die sorgfältige Beschreibung seiner Protagonisten. Die junge Tochter der Kriminalkommissars ist Berufsanfängerin und Juristin in einer Anwaltskanzlei, deren Mann Arzt in einem städtischen Krankenhaus. Das öffnet die Beschreibung vieler Felder im öffentlichen Leben. Ich will unbedingt mehr von Markaris lesen.

1. August 2011
Nachdem ich von Arno Geiger das Buch über seinen demenzkranken Vater (Der alte König in seinem Exil, 2010) gelesen hatte - und eigentlich nicht genau weiss, wie ich es finde - habe ich noch ein anderes Buch von ihm, Alles über Sally, 2010, gelesen.

Es ist die Geschichte eines Ehepaars in den Mittfünfzigern- sie ist Lehrerin, er ist Kurator eines Völkerkundemuseums. Die drei Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Sally langweilt sich in der Ehe mit Alfred und der Leser bekommt die durchaus noch spannenden Anfänge der Ehe erzählt, als beide sich im österreichischen Kulturinstitut in Kairo kennen und lieben gelernt haben. Die österreichische Mentalität als ein ständiges hinter Freundlichkeit verstecktes Intrigieren kommt dabei denkbar schlecht weg.

Sally sieht sich in der älter gewordenen Ehe als diejenige, die immer noch etwas vom Leben erwartet und ihre Sehnsucht mit einer Liebesaffäre teilweise befriedigt. Eigentlich finde ich den Roman langweilig und denke: Eigentlich interessiert mich die Problematik dieser Beziehung nicht. Aber Arno Geiger hat ab und zu ein paar starke Sätze, um deretwillen ich weiter gelesen habe. Ich glaube, mein Problem ist, dass ich auch Sally als Person nicht 'spannend' gezeichnet finde. Dass jemand lebenshungrig ist, ist nicht Thema genug, jedenfalls nicht für mich. Mich erinnert der Roman zudem an Martin Walsers Art zu erzählen.

21. Juni 2011 Im Feuilleton der ZEIT wurde auf den Roman tschick von Wolfgang Herrndorf, 2010, hingewiesen. Er ist absolut gut!! Tschick ist die Abkürzung von Andrej Tschischaroff, einem vierzehnjährigen deutschstämmigen Russen. Der zieht nach Berlin Marzahn und kommt in die Klasse, in der auch Maik ist. Maik ist der Erzähler im Buch und ist in der Klasse einer der Aussenseiter, jedenfalls fühlt er sich selbst als Nichts. Er kommt in der Wahrnehmung der andern einfach nicht vor. Tschick und Maik sind beide nicht zu Tatjanas Geburtstag eingeladen, zu dem sonst jeder eingeladen ist. In einem gestohlenen Lada machen sich die beiden auf den Weg in die Wallachei, um Tschicks rumänische Verwandte zu besuchen. Sie kommen bis ins südliche Brandenburg. Man hat ständig Bilder vor Augen, so gut schreibt Herrndorf. Die beiden Jungen haben so ein reiches Innenleben, das aber nie die Entwicklung von Vierzehnjährigen sprengt.

Ich würde sagen: unbedingt kaufen. In dem Buch kommt das eigene Leben nochmal hoch.

18. Juni 2011
Hannelore Elsner hat ihre Biographie geschrieben: Im Überschwang. Aus meinem Leben, 2011. Sie ist eine deutsche Schauspielerin und ich war vom Film 'Die Unberührbare' einmal schwer beeindruckt. Den hätte ich übrigens gerne auf DVD zum Noch-einmal-sehen. Hannelore Elsner beschreibt sich als einen Menschen, der immer umworben und gesucht wurde und sich eine Vielzahl von Rückzugsräumen geschaffen hat. Orte, an denen sie intuitiv sie selbst sein konnte. Das ist besonders in der Beschreibung ihrer Kindheit stark erzählt. Und so spannend, dass ich über dem Lesen vergessen habe, aus dem Zug auszusteigen. Man taucht mit ihr ein in die Welt ihrer Kindheit.

Hier einige Sätze als Leseprobe: "Aber ich weiß vor allem, dass ich nicht allein war. Damit meine ich nicht meine Eltern: Es war mein zwei Jahre älterer Bruder Manfred, der mir alles war. Ich erinnere mich ganz tief daran, dass er der erste Mensch war, den ich wahrscheinlich richtig geliebt und wahrgenommen habe. Es war eine existenzielle Verbundenheit. Wir waren überhaupt nicht auseinanderzubringen. Auf allen Fotos, auf denen wir gemeinsam zu sehen sind, hält er mich an der Hand. Manfred war liebevoll und fürsorglich- so, wie man sich einen großen Bruder vorstellt. Sehr vertraut, sehr männlich, obwohl ich gar nicht wusste, was das ist. Aber in meiner Erinnerung kommt mir das so vor. Mein großer Buder eben.

Vieles weiß ich nur aus Erzählungen meiner Mutter, ich war ja erst zwei Jahre alt. Zum Beispiel die Geschichte mit dem weißen Kleid.
Meine Mutter hatte mich an diesem nachmittag besonders schön zurecht gemacht (...).. Ich trug ein hübsches blütenweißes Kleid und eine weiße Schleife im Haar. Weil unsere Eltern noch nicht fertig waren, schickten sie Manfred und mich nach unten, wir wollten vor dem Haus auf sie warten. Vielleicht wurde mir langeweilig und ich wollte im Dreck spielen, Batzknödel machen. Aber Manfred hat mir das nicht etwa verboten, sondern mir einfach mein weißes Kleid ausgezogen, es fein säuberlich über die Hecke gehängt und mich im Dreck spielen lassen." (Seite 13)

Auch ihre Jugendzeit an verschiedenen Orten, zum Beispiel Erfahrungen in einer Klosterschule geben viel zum Mitempfinden und Sich-selbst-auf-die-Spur-kommen.

Merkwürdig ist, dass mir das Buch im Verlauf ihres Erwachsenenlebens langweilig wird. Ich weiß nicht, worum es ihr geht im Annehmen von Rollen oder in ihrem Privatleben. Mir fehlt da etwas. Und das tritt in einen Kontrast dazu, dass man sie als eine so gute Beobachterin erfahren hat.

29. Januar 2011
Spannend ist von Charlotte Link Das andere Kind, 2011. Der Krimi erzählt von zwei Todesfällen und der Frage, ob sie mit dem Leben der einen getöteten Frau in Zusammenhang stehen. Sie ist als junges Mädchen im Zweiten Weltkrieg aus London evakuiert worden und reist mit einem 'anderen Kind'. Die Enkelin der Ermordeten spürt der Geschichte ihrer Grossmutter nach. Gut zu lesen, und - obwohl Fiktion - menschlich naheliegend und bewegend.

Wer keinen Krimi lesen will, sondern eine Biografie, dem empfehle ich sehr warm Volker Schlöndorff, Licht, Schatten und Bewegung. Mein Leben und meine Filme, ungekürzt 2011. Ich schreibe noch ausführlich mit ein paar Leseproben. Es ist persönlich erzählt, aber gerade, weil die Filme, die Schlöndorff produziert, Gesellschaft abbilden, ein Gang durch die bundesdeutsche Geschichte seit 1945. Besonders reizvoll natürlich für Leute, die ihr Leben lang ins Kino gegangen sind.

24. November 2010
Es war ein Zufallskauf in einer Bahnhofsbuchhandlung: Ungehorsam von Naomi Alderman, 2007. Die Geschichte ist interessant. Ronit, Anfang 30 und Bankerin, lebt in New York und bekommt einen Telefonanruf von ihrem Cousin Dovid, dass ihr Vater gestorben ist. Mit dem hat die Geschichte eigentlich begonnen: Ronits Vater ist Rav Krusha, ein bekannter Rabbiner in einer Synagoge in einem Vorort von London. Die letzten Wochen aus Rav Krushas Leben werden erzählt, und zwar aus der Sicht von Dovids Frau Esti. Die sitzt auf der Frauenempore, etwas einsam, obwohl sie die Frau des Neffen des Rabbiners ist. Irgend etwas ist anders mit Esti, aber der Leser weiss nicht was. Dann stirbt der Rabbi und Ronit fliegt nach London zur Beerdigung ihres Vaters. Als 18-jährige hat sie die Synagogengemeinde und ihre Heimat verlassen und später den Kontakt zu ihrem Vater ganz abgebrochen. Überrascht entdeckt sie, dass Dovid und Esti geheiratet haben, denn Esti ist die Jugendliebe der lesbischen Ronit. Ronit hat die Brücken hinter sich abgebrochen, Esti ist geblieben und beide treffen sich wieder. Sehr lebendig, sehr spannend. Und echte Highlights sind die Anfänge jedes Buchkapitels. Die setzen mit jeweils einem Zitat aus der Mischna oder dem Achtzehngebet oder der Kabbala ein und führen in die jüdische Sichtweise des Mann-und-Frau-Seins, des Sabbats, des Redens-übereinander .... ein - und bereiten das folgende Kapitel des Romans vor. Das Buch ist unbedingt lesenswert. Vielleicht macht es sich die Autorin ein bisschen einfach, weil Ronit ihre Entscheidung gegen ihre Zugehörigkeit zum orthodoxen Judentum und für ihr lesbisches Frausein schon getroffen hat. Ihre Konflikte flackern nur noch als Nachwehen in den erinnerten Gesprächen mit der Psychotherapeutin auf.
Die Autorin Naomi Alderman gehört einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde in London an.

27. September 2010
Klasse Krimi von Martin Walker: Bruno, Chef de police, 2009. Bruno ist bei der Ortspolizei und kennt jeden in Saint-Denis, einem kleinen Städtchen in der Dordogne. Der Krimi atmet auf jeder Seite französisches Kleinstadtleben und hat einen intelligenten Plott rund um Rechtsextremismus. Der Mord an einem Algerier stellt die an sich gute Gemeinschaft zwischen 'echten' und eingewanderten Franzosen auf die Probe. Der Schlüssel zum Mord ist überraschend und führt in die französische Geschichte des 2. Weltkriegs.

In allen Buchhandlungen liegt bereits der gebundene Nachfolgeband auf: Martin Walker, Grand Cru, 2010. Wieder viel Lokalkolorit, aber der Krimi ist nicht ganz so warmherzig geschrieben wie der erste. Dem Komplott kommt man von alleine nicht auf die Schliche, aber wenn einen das nicht stört, ist es immer noch ein guter Krimi.

23. September 2010
Ich hatte den zweiten Band von Hakan Nesser, Eine ganz andere Geschichte gelesen und empfohlen. Die Figur des Polizeiinspektors Barbarotti ist sehr anziehend, und das ist sie auch im ersten Band Mann ohne Hund von 2006. Mir ist die Geschichte aber zu düster. Der Leser weiss ziemlich bald, wer die beiden vermissten jungen Leute umgebracht hat und damit bleiben auf 500 Seiten Familiensumpf und Trauer als Inhalt der Erzählung übrig. Nicht schön.

17. September 2010
Es ist das erste Buch von Susann Pasztor, 2010, erschienen, und richtig gut. In Ein fabelhafter Lügner treffen drei Töchter und eine Enkeltochter sich zum (gedachten) hundertsten Geburtstag ihres Vaters Joschi. Die Drei sind Töchter von fünf verschiedenen Frauen, mit denen ihr Vater gelebt hat, und bei denen er jeweils Fragmente seines Lebens hinterlassen hat.

Die sechzehnjährige Enkelin erzählt, wie sie sich in einem Hotel in Weimar treffen, sich einander mit ihren verschiedenen Geschichten und Eigenarten annähern und das KZ Buchenwald aufsuchen. Hier sind Joschis erste Frau und Kinder umgebracht worden sind. Die jüdische Identität ihres Vaters ist eine der offenen Fragen im Leben der drei Frauen. Eine sehr realitätsnahe und versöhnliche Geschichte, die da erzählt wird; und mit den Augen einer Sechzehnjährigen betrachtet auch nochmal anders interessant.

16. September 2010
Ich weiss nicht, ob Ruhelos, 2007, von William Boyd ein Krimi oder ein Roman ist. Er spielt in den 70er Jahren. Ruth Gilmartin wird mit dem Lebensgeheimnis ihrer Mutter konfrontiert, die im 2. Weltkrieg beim britischen Geheimdienst war. Ihre Arbeit bestand darin, mithilfe kleiner Nachrichtenagenturen Falschmeldungen in die Welt zu setzen, die von grösseren Agenturen übernommen werden sollen und die das Ziel haben, Amerika in den zweiten Weltkrieg hineinzuziehen.

Das ist ein faszinierendes Motiv des Buches: Dass man mit Falschmeldungen politisch allerhand in Bewegung setzen kann.

In den ersten beiden Septemberwochen gab es in den Medien Berichte über einen Pastor Jones aus Gainesville, der mit der Verbrennung des Koran droht. Da denkt man doch auch: Unglaublich, was solche Meldungen heutzutage auslösen. Die können leicht zu einem Massaker in einem anderen Teil der Welt führen. Früher hätte man gesagt, der Mensch (Jones) hat ein Problem und das hat höchstens für ihn selbst Konsequenzen.
Wie leicht könnte man mit Falschmeldungen auch heute Erschütterung auslösen.

22. August 2010
Einen ganz eigenen Sog entwickelt Eine ganz andere Geschichte von Hakan Nesser, 2008. Eine nette und sympathische Geschichte, weil in ihrer Mitte der Polizeiinspektor Barbarotti und seine Kolleginnen und Kollegen stehen. Ein anonymer Briefeschreiber kündet Morde öffentlich an, führt sie durch und führt die Polizei vor. Sie können gar nicht anders als immer zu spät kommen. Eine Parallelerzählung führt auf die gemeinsame Geschichte, die hinter den Morden steht oder zu stehen scheint.

Besonders an den Figuren scheint mir, dass Inspektor Barbarotti immer wieder die Bibel aufschlägt und in ein Gespräch mit Gott eintritt. Das Gespräch trägt den Grundzug eines "Handels": Gott möchte seine Wirklichkeit beweisen und bekommt Punkte gut geschrieben, wenn Gunnar Barbarotti Fortschritte macht. Interessant ist, dass Barbarotti sich an seine Deals mit Gott erinnert, also auf seine Art treu ist. Marianne, die Frau, die er zu heiraten gedenkt, outet sich selbst als eine, der die Sache mit Gott ernst ist. Der Krimi ist sehr menschlich, die Entwicklungen rechnen mit der Treue der beteiligten Personen. Als Barbarotti vom Dienst suspendiert wird, kommt seine Kollegin jeden Abend zur Berichterstattung bei ihm vorbei. Also: viele gute Töne ...

Ich zitiere ein paar Sätze. Als Barbarotti, geschiedener Mann, die Kinder sind ausgezogen bzw. leben bei der Ex-Frau, seinen Sommerurlaub antritt, erwartet ihn Marianne.

"Hoffentlich steht sie am Kai und wartet wie versprochen auf mich, dachte er dann. Wäre bestimmt nicht witzig, eine Telefonzelle zu suchen und diesen Bauern anzurufen. Gab es überhaupt noch Telefonzellen?
Sie stand da.
Sonnengebräunt und sommerschön. Unmöglich, dass so eine Frau auf einen Mann wie mich warten kann, dachte er. Es muss ein Missverständnis sein." (Seite 29)

9. August 2010
Ein Krimi zum Runterlesen ist Der Erlöser von dem Norweger, Jo Nesbo, 2008. Dieser Band ist Teil einer Reihe und hätte Sucht-Potenzial (für Krimi-Fans), wenn der Schluss nicht so blöd wäre. Die Geschichte spielt bei der norwegischen Heilsarmee, wo ein Mitarbeiter ermordet wird. Die Erzählung wechselt auf allen paar Seiten die Erzählperspektive, indem sie abwechselnd vom sympathischen Kommissar Harry Hole erzählt, vom genauso sympathisch gebeutelten Attentäter aus Kroatien und dann wieder von der schwer durchschaubaren Heilsarmee-Familie.

Die Auflösung des Mordes ist überhaupt nicht vorhersehbar, und auf den letzten dreissig Seiten wird erklärt, wer warum mit wem was getan hat. Das verdirbt mir als mitdenkender Leserin die ersten 400 Seiten.

Falls jemand die andern Nesbo-Krimis kennt: Enden die auch so unerwartet?

6. August 2010
Also das Buch, das ich immer noch am meisten empfehlen will, ist das Tagebuch von Etty Hillesum.

Anderes kann ich auch empfehlen, aber empfinde es als Unterhaltung. Zum Beispiel Bernhard Schlink, Sommerlügen, 2010; sein neuestes Buch also. Ich lese ihn gerne, v.a. die Selb-Trilogie.
Sommerlügen sind Kurzgeschichten, gut zu lesen halt. Berührt hat mich Das Haus im Wald. Ein junges Paar, sie eine amerikanische Schriftstellerin und er ein deutscher Schriftsteller, heiraten. Sie ist gefragt, veröffentlicht viel, er kommt nach einem Anfangserfolg beruflich nicht mehr zum Zuge. Beide ziehen sich mit dem gemeinsamen Kind zurück und er baut langsam ein Gefängnis um seine Frau herum. Das macht er in dem Glauben, seiner schreibenden Frau Gutes zu tun und die Familie vor der Öffentlichkeit zu schützen. Und damit zerstört er ihr gemeinsames Leben. "Völlig unnötig", denkt man als Leserin, aber dennoch hat die Geschichte eine innere Konsequenz. Ziemlich gut beobachtet.

Von Haruki Murakami, einem ziemlich populären japanischen Schriftsteller, habe ich den Kurzgeschichtenband Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah, 1996, gelesen. Murakami ist schon gut, aber seine letzten Werke reichen nicht mehr an Mr. Aufziehvogel oder an Kafka am Strand heran. Wobei einzelne Kurzgeschichten wie Das Schweigen im genannten Band schon unheimlich gut sind. Ein Schüler verfällt der Verleumdung durch seine Klassenkameraden und berichtet aus dem Rückblick, wie diese Veleumdung für ihn zur Bedrohung seines Lebens wurde. Murakami sieht in den scheinbar kleinen Dingen die Weichenstellungen und großen Entscheide im Leben.

4. August 2010
Von Hiromi Kawakami habe ich Am Meer ist es wärmer. Eine Liebesgeschichte, 2006, gelesen. Kei, eine Frau Ende dreißig, lebt mit ihrer Tochter und der Mutter zusammen in Tokio. Sie erzählt von sich und wie sie ihre Tochter und ihre Mutter wahrnimmt. Es sind sehr feine Beobachtungen, das ganze Buch ist sehr fein. Die Linien des Gesichts, die Beschreibung einer Geste, die Zutaten für eine Mahlzeit stehen im Mittelpunkt.
Keis Ehemann Rei ist vor 12 Jahren verschwunden und ihr Inneres führt sie dahin, sich mit diesem fehlenden Teil ihres Lebens auseinanderzusetzen. Sehr spannend, sehr sensibel und bis zum Schluss sehr offen.

Ich glaube, dass man in Am Meer ist es wärmer viel über östliches Denken lernen kann. Die Lösung wird nicht von "außen" erwartet, es kommt nichts dazu.

Ungewohnt für den westlichen Leser ist die Selbstverständlichkeit, mit der eine Geistgestalt die Wege der Protagonistin begleitet und in die Dialoge eingesponnen wird. Es bleibt offen, ob das Geistwesen ein Spiegel von Keis Innenleben und Geschichte ist. Das Buch bleibt ein Dialog mit sich selbst.

30. Juni 2010
Eine so schöne Zukunft von Véronique Olmi, 2006, habe ich gerne gelesen. Zwei Frauen, Elisabeth und Clara - liiert mit einem Regisseur bzw. einem Schauspieler - entdecken die Brüchigkeit ihrer Beziehungen und finden dabei zueinander. Für beide beginnt ein Weg hin zum Entdecken der eigenen Geschichte. Äußerlich passiert gar nicht viel, das Buch lebt von Beschreibungen der Innenwelt, davon, wie der Blick auf den Partner sich wandelt, wie eine Festigkeit im Umgang mit sich selbst entsteht.

27. Juni 2010
Es ist zwar kein Buch, aber eine Zeitschrift. Ich habe von einer Veranstaltung das vom Bundesverlag neu herausgegebene Heft lebenslust, Menschen, Leben, Glauben, 1.2010, mitgenommen.

Fast wider Erwarten sind da richtig gute Artikel drin. Andreas Malessa zum Besipiel schreibt über Margot Käßmann eine exzellente theologische Betrachtung zu Möglichkeiten des Umgangs mit Schuld anhand weiterer aktueller Beispiele.

Zu Käßmann selbst: "Margot Käßmann hat in nur sechs Minuten Pressekonferenz am 24. Februar blitzlichtartig erklärt: Ich bin als Mensch zur Freiheit berufen. Damit aber auch verantwortlich für mein Handeln. Nun stelle ich mit Bestürzung fest, dass ich "das Gute, das ich will, nicht schaffe; und das Böse, das ich nicht will, tue"- noch so ein menschenkundlicher Satz vom alten Paulus.
Aus diesem Zwiespalt des ungewollten Bösen und des unerreichten Guten "retten" mich- die Bibel sagt "erlösen" mich - kein selbstinszenierter Freispruch und kein selbstinszenierter Freitod, sondern einzig und allein Gottes gnädige Hände. Weil Gott sagt: Dir ist vergeben. Du bist geborgen. Du bist schuldig und gerechtfertigt zugleich. Du bist unvollkommen, aber unbedingt geliebt. ... Gnade ist kein karnevalsschunkelndes "Der Herrgott drückt ein Auge zu", kein billiges "Schwamm drüber, was soll`s"! Gnade ist wiedergeschenkte Freiheit.

Es gibt unter Leistungssportlern und Gesundheitsfanatikern, unter Muslimen und strengreligiösen christlichen Konservativen einen moralischen Perfektionismus, der ein tiefsitzendes Misstrauen gegen alles Menschliche pflegt. Das hat immer die Tendenz zu religiöser Ideologie." (lebenslust, Seite 59-60)

Und noch ein besonders schöner Artikel über Jonas Helgesson, einen spastisch gelähmten Stand-Up-Comedian. Der auf einem Foto neben seiner ausgesprochen hübschen Braut zu sehen ist und witzig-klug von sich selbst erzählt.

Andere Artikel sind flach und für mich ärgerlich, aber die paar guten lohnen den Kauf des Heftes.

26. Juni 2010
Mehr durch einen Zufall, weil Wolfgang das Büchlein herausgelegt hat, habe ich Die grosse Scheidung von C.S.Lewis, 1955, gelesen. Ich weiss nicht, wem C.S.Lewis, 1898-1963, Professor für englische Literatur in Oxford, noch vertraut ist. In meine Biographie gehört er noch hinein: ich habe in den ersten Jahren meines Glaubens viel gelesen.

C.S.Lewis ist 1931 im Zusammenhang mit einer Begegnung mit J.R.R.Tolkien Christ geworden. Er schreibt später: "When we [Warnie and Jack = also Tolkien und Lewis] set out [by motorcycle to the Whipsnade Zoo] I did not believe that Jesus Christ was the Son of God, and when we reached the zoo I did."

In Die grosse Scheidung gibt es einen Ich-Erzähler, der sich in einer grauen, sich ständig ausbreitenden Stadt findet. In dieser Stadt ist nichts los und er stellt sich an einer Bushaltestelle an. Es ist ein sonderbarer Bus, in den er steigt. Der Bus hebt ab in die Luft, lässt die Stadt hinter sich und wir lernen einige der Mitreisenden kennen.

Der Bus landet an einem wunderschönen natürlichen Ort, an dem Weite, Licht und eine Festigkeit in allen Dingen ist, die die Ankommenden als Schattengestalten deutlich werden lässt. Eigentlich ist alles wie auf der Erde, nur fester, klarer, durchwebt von einer Freude.
Und jetzt begegnen uns einzelne Lebensgeschichten: Jeder der Angekommenen wird von einem derjenigen, die schon da sind, die "fest" sind und "von innen her leuchten" erwartet, begleitet und geladen, doch auch zu bleiben.
Und nun das Meisterwerk von Lewis: Er erzählt, wie wir Menschen zutiefst die Wahl haben, und wie es kommt, dass die "Hölle", die ewig wachsende, graue Stadt der Einsamkeit, ein Gemütszustand ist, der sich seine eigene Wirklichkeit schafft und dem "Himmel" vorgezogen wird. Unglaublich beschrieben. In meinen Augen Welt-Literatur, wenn man das so sagen darf.

28. Mai 2010
Die Stille ist ein Geräusch von Julia Zeh, 2003, habe ich fast in einem Stück durchgelesen. Die Autorin ist heute Mitte dreissig und hat 2001 alleine mit ihrem Hund eine Reise nach Bosnien gemacht. Ein Reisebericht also mit einem ganz feinen Blick für das Besondere, vielen guten Fragen und nebenbei noch einigem Witz.

Eine Passage vom Beginn der Reise. Von Zagreb fahren keine Züge nach Sarajewo, und alle Versuche, den Hund im Überlandbus mitzunehmen, scheitern.

"Als der Bus vorfährt mit dem Sarajewo-Schild auf der Stirn, sind wir in Position. Der Hund, schlecht versteckt hinter meinem Gepäck, flankiert von den rauchenden Damen, die andauernd lachen, was ich ein bisschen auffällig finde. Der erste Fahrer geht pinkeln, der zweite bückt sich zum Verladen der Koffer und verschwindet halb im Bauch des Busses. Das ist der Moment. Ich zerre den Hund zur offenen Vordertür und springe die teppichbeklebten Stufen hinauf. Ein paar der anderen Fahrgäste beobachten mich, ich lächele, damit sie nicht petzen. Über den Mittelgang rennen wir nach hinten. Der Hund legt sich auf die Seite und lässt sich an den Pfoten unter die Sitzbank schieben, es klappt, als hätten wir nie etwas anderes gemacht. Wenn er in dieser Haltung die Fahrt überlebt, muss er unsterblich sein."

(...) Hinten auf der letzten Bank, wo bei Schulfahrten die Klassenelite saß, ist das Brummen des Motors von Halswirbel bis Unterschenkel im ganzen Körper zu spüren. Der Hund atmet flach, er hat keinen Platz, um tief Luft zu holen. Lange sitze ich vornüber gebeugt und halte ihm die Pfote. Ich kenne ihn seit acht Jahren und bin immer wieder erstaunt, wie hart er im Nehmen ist. Ich würde auch für ihn unter der Sitzbank reisen, und die Vorstellung, er könnte das nicht wissen, schmerzt wie Heimweh." (Seite 20)

Ein wirklich schönes Buch.

27. Mai 2010
Das sieht ja fast so aus, als hätte ich in den letzten Wochen nichts gelesen. So richtig gut finde ich Verbrechen von Ferdinand von Schirach, 2009. Der Anwalt schreibt Kurzgeschichten aus der Praxis und fügt biographische Details so zusammen, dass das Verbrechen in sich schlüssig wird, sich manchmal sogar wie zwangsläufig ergibt. Es sind brutale Geschichten darunter (zum Teil nichts für schwache Gemüter) , aber auch Geschichten, in denen ich als Leserin mit dem Täter fühle.
Lustig die Geschichte von dem jungen Berliner Türken, der sich hinter dem Rücken seiner Grossfamilie ein eigenes, bürgerliches Leben aufgebaut hat, und in einem Verfahren gegen einen seiner Brüder das Gericht überlistet. Die Schöffen waren sich ihres Urteils zu sicher, und das hat der kluge Bruder ihnen zum Fallstrick gemacht.

Ein ganz normaler, aber guter Krimi ist Auf der falschen Spurvon Leena Lehtolainen, 2010. Ist halt was für Anhänger der Geschichten rund um die Kriminalkommissarin Maria Kallio. Sie wird gegen den Widerstand ihrer Familie in ihren alten Beruf zurück geholt und muss klären, wer im Sportler-Milieu überhaupt die Opfer aktueller Anschläge sind. Wie die Täter finden, wenn nicht klar ist, wem der Hass überhaupt gilt.

28. März 2010
Ein Schriftsteller, an dem ich mich nicht satt-lesen kann, dessen unzählige Bücher ich zum Teil mehrmals gelesen habe, ist Isaac B. Singer (1904-1991). Beim Stöbern in unseren Bücherregalen habe ich Feinde, die Geschichte einer Liebe, 1976, gefunden. Hatte ich bisher übersehen.

Grundthema des Romans ist das, was eh eins von I.B. Singers großen Themen ist: wie sich polnische Juden in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg in New York wiederfinden.

Herman Broder überlebt als einziger seiner Familie im kleinen polnischen Dorf Tzivkev den Holocaust, weil die polnische Hausangestellte Jadwiga ihn auf dem Heuschober versteckt und versorgt. Er wandert 1945 nach New York aus, heiratet Jadwiga und arbeitet als Ghost-Writer für einen New Yorker Rabbiner.

Jadwiga bleibt Landmensch in der Grossstadt, und Hermann pflegt eine Liebesbeziehung mit der neurotischen Holocaustüberlebenden Mascha. Die wiederum lebt mit ihrer alten, religiösen Mutter zusammen. Das Gefüge zwischen beiden Frauen ist sorgsam ausbalanciert, bis eine dritte Frau in New York auftaucht: Tamara, Broders erste jüdische Frau und Mutter seiner ermordeten Kinder, hat ihren Tod (eine Massen-Exekution) überlebt und zieht nach langen Jahren in Russland zu Verwandten nach New York.

Jeder Schritt, den Broder, Mascha und Tamara im "neuen" Leben Amerikas machen, ist überlagert von den Todesschatten der Erinnerungen. Sie haben keine Freiheit, etwas "neu" zu beginnen. Diejenige, die neu anfangen will, Kinder bekommen und dazugehören will, ist die polnische Analphabetin Jadwiga. Liebt Broder sie wie er die neurotischen und sich selbst als "tot" bezeichnenden Frauen Mascha und Tamara liebt?

17. März 2010
Nachdem mir Anfang des Jahres Das Recht auf Rückkehr von Leon de Winter gut gefallen hat, habe ich jetzt den Roman Ein schönes Attentat von Assaf Gavron, 2010, gelesen. Es ist eigentlich eine Parallelerzählung zweier junger Männer, beide Male in der Ich-Form geschrieben. Eitan Einoch ist moderner Jude in Tel Aviv, arbeitet in der IT Branche und gerät innerhalb weniger Wochen in drei Attentate. Er überlebt und wird durch eine Unterhaltungssendung zur Berühmtheit in Israel. Und zum nationalen Symbol des jüdischen Überlebens.

Fahmi Sabih ist der andere junge Mann, ein Palästinenser und lebt in einem Flüchtingslager. Durch seinen älteren Bruder wird er an Attentate herangeführt, bleibt trotz seiner Mitwirkung in leicht distanzierter Haltung. Als der Bruder gefasst wird, liegt die Erwartung auf ihm, dass er das "Symbol", Eitan Einoch, töten wird. Es liegt in seiner Hand und am Schluss der Erzählung sitzen die beiden nebeneinander im Auto, Fahmi mit einer Handgranate im Stoffbeutel.

Mich beeindruckt, wie sich ein Autor in zwei so unterschiedliche Personen hineindenken kann, und sie beide mit gleicher Einfühlung vorstellt und leben lässt. Das Familienleben des Palästinensers Fahmi ist sehr sorgfältig erzählt, fast mit mehr Zuneigung als dass des modernen Einzelgängers Einoch.

Fahmi macht sich auf den Weg in sein Heimatdorf (Leseprobe):

"Als ich ein Kind war, kam Großvater Fahmi aus al-Amari auf dem Rücken eines Pferdes nach Mughajir zu uns auf Besuch. Er brauchte eine Stunde dazu. Heute, mit dem Auto, dauert es drei Stunden, günstigtenfalls. Zwanzig Kilometer Luftlinie. Wo sonst wird die Zeit, die an braucht, um von einem Ort zum anderen zu kommen, länger, je mehr Jahre vergehen? (...)

Am Militärposten am Lagerausgang hob ein Soldat mit Sonnenbrille die Hand und hielt mich auf. Er kontrollierte meinen Ausweis, öffnete die Tasche, holte alles heraus, drehte sie um und schüttelte sie. Er durchsuchte meinen Körper mit groben Händen. "Wohin?" fragte er auf Herbäisch.
"Nach Mughajier."
"Wo ist das?"
Ich deutete in die Richtung.
"Nicht deuten, sag wo`s ist."
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. "Dort drüben, hinter Ramallah." Ich musste erklären, wozu ich dorthin wollte. Ich wurde nach einem Tasrih gefragt. Ich zeigte die Genehmigung vor, die mein Onkel Dschalal erhalten hatte - freie Passiererlaubnis in der Westbank, von der Stromgesellschaft Ramallahs. Ich erhielt detaillierte Anweisungen, was ich tun durfte und was nicht. Ich nickte. Ich ging links nach Ramallah, auf der Hauptstraße, die die Stadt durchquert und nach Norden, nach Nablus, weiterführt, bis die Straßensperre aus meiner Sicht verschwunden war. Dann hielt ich an und wartete auf eine Mitfahrgelegenheit. Nach fünf Minuten hatten wir die Straßensperre an der Beitin-Kreuzung erreicht.

"Jetzt mindestens eine Stunde," sagte der Fahrer. Ich stieg aus dem Wagen und ging in Richtung des Fußgängertors weiter. Ein Soldat trat auch mich zu und fragte mich, was ich mir eigentlich dabei denke. Ich solle sofort zum Auto zurück kehren. Ich sagte: "Ich habe kein Auto." Er erwiderte: "Willst du mich anlügen? Schämst du dich nicht? Ich hab doch gesehen, dass du aus dem Auto dort ausgestiegen bist." Er hatte eine Sonnenbrille auf und genoss es, auf mich herunterzuschauen. "Denkst du, ich bin ein Idiot?"
"Das ist nicht mein Auto. Ich bin mitgefahren." (...)
Nachdem wir fast eine Stunde lang angestanden hatten, schlossen sie den Fußgängerübergang. Warum? "So ist die Anweisung." Ich sah dem Gesicht des Soldaten an, das er nicht wusste, weshalb sie zumachten. Aber sie schlossen. Nur Autos mit Sondergenehmigung konnten passieren.
Ich ging zur Schlange der Autos und bot den Fahrern Geld, damit sie mich einsteigen ließen. (Seite 216-217)

25. Februar 2010
Inneres Land von der katalanischen Schriftstellerin Maria Barbal, 2010, ist wunderbar geschrieben. Ein Mädchen erzählt ihre Geschichte in ihrer Familie und Nachbarschaft; dabei bleibt sie immer auf ihre Mutter als "Du" bezogen. "Ich bleibe im Dunkeln stehen und orientiere mich an einem dünnen hellen Streifen. Sicher hat Regina für mich die alte Lampe angelassen, die du uns gegeben hast, die mit dem schwachen Licht. Wenn du wüsstest, dass sie <Licht verbrennt>, würdest du dich ganz schön ärgern." (Seite 269)
Ritas Familie sind Katalanen, in den Ferien fahren sie ins heimatliche Bergdorf, in dem der Grossvater unter Franco deportiert wurde. Ein Blick der Mutter, und die pubertierende Rita weiß, mit welchem Jungen aus welcher Familie sie tanzen darf und mit welchen nicht. Rita wird mit dem Wechsel aufs Gymnasium nach Barcelona zur Wandlerin zwischen den Welten, lernt verschiedene Zugänge zum Leben kennen, bleibt aber der inneren Stimme ihrer Mutter verhaftet.
Eine gute, spannend erzählte Geschichte darüber, welche Wirkungen ein eigener, nicht bewältigter Schmerz haben kann.

20. Februar 2010
Das ist ein merkwürdiges Buch. Ich habe ständig zwischen Weiterlesen und Weglegen geschwankt. Vielleicht liegt es an der Übersetzung ins Deutsche, dass sich dieser Krimi von Michael Chabon so sperrig liest: Die Vereinigung jüdischer Polizisten, 2009.

Der Polizist Landsman ermittelt in einem Mordfall in Sitka/Alaska. Umgebracht wurde ein Mann, Glied einer ultraorthodoxen jüdischen Gruppe, der als "Gerechter seiner Generation" galt. Ein Mann also, an dem Heilserwartungen hingen, und diese Heilserwartungen waren für einen verbrecherischen Zweck bestimmt. Nämlich den, von Alaska aus in einem terroristischen Akt Jerusalem und den Tempelberg zu erobern und den jüdischen Staat durch einen Putsch zu stärken.

Viel Politik in einer Geschichte, die äusserst kleinteilig und durchgänig in jüdischem Milieu und Glossar erzählt wird. Die Presse vergleicht Michael Chabon mit Isaac Singer (, dessen Bücher ich sehr mag, ) aber bei Chabon fehlt der Charme des Niedrigen, Abartigen. Bei Singer glitzert ja alles und wird in seiner Entstellung noch liebenswürdig. Der Krimi von Chabon ist meiner Meinung nach vulgär. Aber vielleicht klingt das ja auf englisch anders.
Chabon hat 2001 den Pulitzer Preis erhalten (Kategorie: Fiktion), ist also nicht irgendwer.

17. Februar 2010
Ein recht guter Krimi ist Esau von Philip Kerr, 1998. Der Bergsteiger Jack Furness hat einen Schädel gefunden, den er seiner Freundin und Antropologin Swift nach Amerika mitbringt. Ungewöhnlich, weil er auf ein zwischen Mensch und Tier existierendes Lebenwesen - den Yeti - deutet. Also ziehen die beiden erneut in den Himalaya, im Forschungsteam ist zudem ein durchgedrehter CIA Agent, der einen abgestürzten Satelliten bergen will. Spannend, hat viel mit Liebe zur Natur und Respekt vor der Natur zu tun.

Wer ein bisschen wartet, findet hier bald Gedanken zu Hertha Müllers Atemschaukel und dem neuen Buch von Martin Walser. Gestern erstanden ...

1. Januar 2010
Als ein richtig gutes Buch nach langer Zeit empfand ich Das Recht auf Rückkehr von Leon de Winter. Es spielt in Tel Aviv und zwar im Jahr 2024 und Rückblenden in die Zeit um 2000- wo alles seinen Anfang nahm.... Wer Israel heute kennt, der kann gut anknüpfen beim Lesen; man hat richtig die Strassen Tel Avivs vor Augen, die Sicherheitskontrollen und Menschen aus allen Kulturen.

Bram Mannheimer, Hauptfigur im Roman, hat als 18jähriger die Niederlande verlassen und ist seinem Vater, dem Wissenschaftler Hartog Mannheimer, nach Israel gefolgt. Militärdienst, Liebe, erstes Kind, und die junge Familie wandert erneut aus, nämlich nach Princeton/USA. Brams Familie und Leben geht kaputt, als ihr kleiner Sohn Bennie entführt wird, während Bram auf ihn aufpasst.
Viel später fasst Bram in einem entvölkerten, überalterten Israel wieder Fuß - als Rettungssanitäter, der die Opfer von Attentaten einsammelt, und mit einer Agentur, die vermisste Kinder aufspürt. Bram wird seinem eigenen Kind - mittlerweile erwachsen - begegnen....

Ein interessantes Szenario, das de Winter zeichnet. Die arabische Welt hat an Gewicht gewonnen und die einzigen, die gegenhalten und selbst expandieren, sind die Russen.
Das Buch lohnt sich zu lesen, lässt einen aber nicht unberührt. Es ist eben nicht nur Science Fiction.

28. Dezember 2009
Na dann mal ran. Ich habe in den letzten Wochen mehrere Romane und Krimis gelesen. Von der finnischen Autorin Leena Lehtolainen gibt es eine Krimi-Reihe mit der Kommissarin Maria Kallio. Wie man sie zum Schweigen bringt lebt davon, dass man die Personen kennt und mag, und nicht vom Plott - der war austauschbar.
Zeit zu sterben, 2002, ist auch von Leena Lehtolainen, erzählt aber nicht aus der Sicht der jungen Kommissarin, sondern aus der einer Sozialarbeiterin, die sich in einem Frauenhaus engagiert. Die unglückliche und einsame Sozialarbeiterin wird unmerklich vom Opfer ihres eigenen belanglosen Lebens zu einer Täterin, die ins Leben anderer eingreift. Ziemlich intelligent geschrieben, zumal das Geschehen überraschende Wendungen nimmt. Lohnt sich zu lesen.

Die Patricia Cornwell Reihe rund um die Pathologin Kay Scarpetta habe ich mit Blinder Passagier, 2003, gerade zu lesen begonnen. Das halbe Buch spielt an Tatorten und im Leichenschauhaus, ist aber interessant. Kay Scarpetta ist eine toughe Ärztin, die mit dem unkultivierten älteren Polizisten Marino zusammenarbeitet und sich mit korrupten Kolleginnen (ebenfalls blond, tough und großbusig) herumschlagen muss. Ob das amerikanisch ist, dass die Protagonisten extrem eindrucksvoll aussehen und sogar in den Bettszenen die "Führung übernehmen"?

Die Eleganz der Igels von Muriel Barbery, 2008, habe ich trotz Bestseller-Label aufgehört zu lesen. Thematik ist nicht neu. Zwei in ihren Fähigkeiten verkannte Menschen - eine ältere Frau und ein junges Mädchen - leben im selben Haus. Die eine ist Concierge, die andere Tochter reicher Eltern. Beide tarnen ihr Lebenswissen und ihre Belesenheit hinter einer bewusst aufgebauten Fassade der Durchschnittlichkeit. Sie lernen einander kennen und freunden sich an. Die Gedanken der beiden strotzen von philosophischen Ausführungen, die ich als Leserin als uninteressant und völlig unmotiviert empfinde. Die Autorin hat Philosophie studiert (siehe Buchdeckel) und eine Menge von Einzelgedanken in ihrem Buch untergebracht. Wer über Wilhelm von Ockham und den Universalienstreit referiert, muss doch wissen warum er ihn den heutigen Leserinnen und Lesern nahebringen will.

Ich hatte für Weihnachten ein paar Bücher und DVDs ausgesucht, die ich selbst gerne lesen und sehen würde, und dann die Gäste auswählen lassen, was sie interessiert. Das war dann ihr Geschenk. Übrig geblieben sind dann Bücher, die mir selbst nicht gefallen haben: z.B. Anna Katharina Hahn, Kürzere Tage, 2009. Über ein paar älter werdende junge Leute in Stuttgart, Beziehung, Kinder, Sehnsüchte. Irgendwie ohne Geheimnis, das zum Lesen verführt.

1. Dezember 2009
Wolfgang hat sich in einem Bahnhofsladen Tannöd von Andrea Maria Schenkel gekauft, und ich habe es auch gleich gelesen - das braucht nicht lange. Eine Aneinanderreihung verschiedener kleiner Berichte von Dorfbewohnern über Ereignisse auf dem Tannödhof. Das ist ein abgelegener Bauernhof, wo eine Familie auf eine eigentümlich brutale und verschlossene Weise miteinander lebt. Die kurzen Berichte geben den Blick frei auf die Menschen, ohne, dass die Gefühle der Leserin/des Lesers angesprochen werden. Nüchtern das ganze und gerade darin erschreckend. Ein gut geschriebenes Buch, spannend, erschreckend - wahrscheinlich, weil alles ganz normal zu sein scheint.

8. Oktober 2009
Gestern Nacht sind wir mit Regionalzügen von Meißen nach Berlin gefahren- gut drei Stunden Krimi-Zeit. Das ist schön, so durch die Dunkelheit zu tuckeln, eine Flasche guten Weißwein zwischen den Knien (nein, es waren keine Jugendlichen im Zug, die sich was Falsches hätten abgucken konnten. Der Zug war fast leer...)

Gut gefallen hat mir der Krimi Die Töchter der Kälte von Camilla Läckberg, einer bekannten schwedischen Autorin. Gut geschrieben und sehr intelligent. Im Mittelpunkt der Erzählung steht der Mord an einem Kind, den die örtliche Kriminalpolizei aufzuklären sucht. Dieser Mord ist tief eingebettet in eine Familiengeschichte, die als Parallelhandlung erzählt wird. Camilla Läckberg erzählt Geschichten, die nicht im Hier und Heute entstehen, sondern in der Herkunftsfamilie ihre Weichenstellung haben. Sehr spannend.

24. August 2009
Wir haben ja viele Bücher im eigenen Bücherschrank. Und von denen kenne ich nicht alle. Heute Vormittag habe ich von Marlen Haushofer Eine Handvoll Leben, 1955, gelesen. Eine unglaubliche Sprachgewalt hat diese österreichische Schriftstellerin. Betty, eine Frau Mitte 40, kehrt unerkannt in ihre Heimat zurück, in der sie mit Mitte 20 den Ehemann, Kind und Geliebten zurück gelassen hat. Im Gästezimmer findet sie eine Schachtel mit Fotografien und betrachtet sie in einer schlaflosen Nacht. So lernt die Leserin/ der Leser das Leben der Protagonistin kennen. Die Vorstellungswelt des Kindes, in der alles belebt ist und eine Botschaft hat; die Sehnsucht, sich selbst zu spüren und zu erleben; das widersprüchliche Verhältnis zu ihren beiden besten Freundinnen, von denen sich die eine tötet und die andere Bettys Mann heiraten wird, nachdem diese verschwindet.

Eine Leseprobe die von Betty (Elisabeth) als fünfjährigem Mädchen erzählt:
"Jener gewaltige Sommer, er hatte nur sechs Wochen gedauert, aber in der Erinnerung erschien er viel länger, Monate oder ein Jahr. Alles an ihm war ohne Maß; zu stark, zu wild und zu groß. Licht und Schatten streng geschieden von den Mauern des Hauses. Glühende, gelbe Tage; gleißendes Licht auf dem Hof; die Wiesen und Felder fahl verbrannt von der Sonnenglut, und dahinter die kurzen schwarzen Nächte. ... Da waren die nackten braunen Arme der Mägde, die sie hochwarfen udn auffingen, Tante Sophies großer, weißer Busen , gegen den sie gepresst wurde, rote Wangen, volle Münder, breite, weiße Lider über brauen, feuchten Augen, die eiligen Schritte auf den Gängen, die Stimmen... Lieserl, wo bist du...bist du...bist du, während sie geduckt hinter der Mehlkiste oder einer Truhe hockte, voll leiser Erregung und ganz mit sich allein.
Aber niemals brachte sie es fertig, lange zu widerstehen. Die großen Frauen waren viel stärker als sie. Mit ihren Stimmen und ihren vollen Leibern saugten sie das Kind aus den dämmerigen Verstecken, bis es, angezogen von diesem warmen Strudel, auf sie zulief und in die ausgebreiteten Arme stürzte, ganz und gar der fremden Gewalt der blauen Schürzen verfallen.
"Du musst so groß und stark werden wie wir," sagten die Mägde und füllten ihr den Mund mit Honig und Brei. Lieserl sah die sommersprossigen Gesichter unter dem Feuerhaar, spürte die Hitze der weichen Leiber und wusste in ihrem Herzen, dass sie miemals so werden würde." (Seite 16-18)

24. August 2009
Ich habe Die Hütte von William Paul Young, 2007, gelesen, die zur Zeit als Bestseller aufliegt. Inhaltsangaben bekommt man en masse im Internet. Es ist eine Art christlicher Dogmatik in Form einer (recht unbeholfen geschriebenen) Erzählung. Ich finde sie faszinierend für Menschen, denen der christliche Glaube fremd ist.

Wobei: wem ist der christliche Glaube nicht fremd? Dass die Dreieinigkeit Gottes oder die Zwei-Naturen-Lehre in ihrer Bedeutung für mein Glaubensleben vorkommen, darauf kann ich in christlichen Gottesdiensten lange warten. "Die Hütte" hat theologische Schwächen (z.B., was den Gebrauch des "Gesetzes" angeht), aber hier findet man wenigstens mal Theologie für ganz normale Menschen.

Am Sonnabend, dem 19. September, lade ich zum Frühstück in unserem Garten mit "Die Hütte" ein.

11. August 2009
Es braucht nur zwei Tassen Kaffee, um das Buch Gnadenfrist, 2005, von Arnon Grünberg zu lesen. Es lag in einem Café herum, und da habe ich es mehr aus einem Zufall heraus gelesen und es hat mir ganz gut gefallen. Es erzählt von Warnke, einem gutbürgerlichen Mitarbeiter der holländischen Botschaft in Lima. Wie sein Chef, der Botschafter, bekommt er nicht wirklich etwas vom Land mit, sondern repräsentiert, organisiert Grillfeste usw.. Warnke hat eine ehrgeizige Ehefrau und Kinder, die er liebt, lernt aber eine junge Peruanerin kennen, die ihn für ein Terrornetzwerk benutzt. Warnke merkt nichts davon, hat das erste Mal im Leben den Eindruck selbst zu lieben. So richtig traurig, wie ein Mensch mit Einfluss sein Leben belanglos verbringt, sich von Menschen mit dem Ziel der Einflussnahme gebrauchen lässt und schliesslich nach einem rapiden sozialen Absturz mit einer Bombe am Körper unter die Menschen geht.

Ich neige zu der Schlussfolgerung: Wer zu harmlos ist, kann unversehens gefährlich werden.

9. August 2009
Es ist schon einige Wochen her, dass ich Barack Obama, Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie, deutsch 2009 (Amerika 1995), gelesen habe. Ich wusste nicht, dass Barack Obama so viel erlebt hat: aufgewachsen in verschiedenen Kulturen mit Menschen, die sich jeweils anders arrangieren; dass er als junger Mann als Sozialarbeiter unterwegs war und weiss, was "Basisarbeit" ist. Dass er oft zugibt, die vielen Widersprüche in Fragen von Identität nicht lösen zu können.

Ich fand besonders die Erzählungen aus seiner Kindheit interessant: z.B. die Zeit, die er mit seiner Mutter und deren zweitem Mann Lolo in Indonesien gelebt hat. "Es war, als konnte meine Mutter hier in der Fremde, weitab von Enge und Heuchelei, die Qualitäten des Mittleren Westens hochhalten und sie mir in destillierter Form präsentieren. Das Problem war nur, dass sie ihren Ermahnungen kaum Nachdruck verleihen konnte. Jedes Mal nickte ich pflichtschuldig, aber sie muss gewusst haben, dass ihre Vorstellungen ziemlich unpraktisch waren. Lolo (Baracks Stiefvater) hatte die Armut, die Korruption, das Sicherheitsbedürfnis nur erklärt, nicht verursacht. Alles blieb, wie es war, so dass ein tiefer Skeptizismus in mir entstand. Dass meine Mutter an diese Tugenden glaubte, setzte einen Glauben voraus, den ich nicht besaß, einen Glauben, den sie nicht als religiös bezeichnet hätte, der im Gegenteil, das sagte ihr ihre Erfahrung, etwas Ketzerisches hatte: die Überzeugung, dass vernünftige, reflektierte Menschen ihr Schicksal in die Hand nehmen können. In einem Land, in dem das Elend nur mit Fatalismus zu ertragen war, in dem letzte Wahrheiten und realer Alltag streng voneinander geschieden waren, kämpfte meine Mutter einsam für säkularen Humanismus und demokratische Werte." (Seite 65)
Ich finde, es lohnt sich, das Buch zu lesen. Es enthält eine Fülle guter Einzelbeobachtungen.

Als Elfjähriger zurück in den Vereinigten Staaten, besucht Barack mit Mutter, Großmutter und der kleinen Schwester ein Museum in Chicago. "Im Field Museum betrachtete ich zwei Schrumpfköpfe, runzlig, aber gut erhalten, handflächengroß, Augen und Ohren zusammengenäht, wie ich es nicht anders erwartet hätte. Es waren Köpfe von Europäern. Der Mann hatte ein Kinnbärtchen, wie ein Konquistador, die Frau hatte wallendes rotes Haar. Ich starrte sie lange an (bis meine Mutter mich schließlich wegzog) ... Grotesk fand ich, dass diese kleinen europäischen Gesichter in einer Glasvitrine präsentiert wurden, so dass wildfremde Leute, vielleicht sogar die eigenen Nachfahren, sehen konnten, welch schreckliches Ende diese beiden genommen hatten. Und auch, dass niemand das seltsam fand. Das harte Licht, die peniblen Informationen, die Gleichgültigkeit der Besucher, die an der Vitrine vorbeikamen- auch das war Magie, auch das ein Versuch, die Dinge zu beherrschen." (Seite 159)
Mir schlägt immer wieder auf den Magen, wie Gunter van Hagen plastinierte Leichen ausstellt, zur Zeit auch Leichen, die zum Geschlechtsakt zusammen gefügt wurden. Und dass sich Menschen das angucken, dass es keine natürliche Scheu gibt vor der Würde derer, die da zu sehen sind.

6. August 2009
Eine kleine Buchhandlung in Rhetimnon mit einer kleinen Auswahl deutschsprachiger Literatur: ich kaufe von Lily Zografou Die Frauen der Familie Ftenoudos. Die Autorin war mir nicht bekannt, hat aber 24 Bücher geschrieben; das hier erzählt von einer Familie mit vier Schwestern und drei Brüdern auf Kreta. Die Mutter Erifili steht der Familie vor- gegen den Einfluss ihres ignoranten und sich selbst überschätzenden Ehemanns Michailos. Die Söhne setzen sich schnell ab von der Familie und ziehen nach Athen, die Töchter bleiben zu Hause in den Banden und dem Regelwerk des Vaters und damit gefangen. Eine der Töchter- Erato- ist über die Maßen schön, was ihr durch die Liebe zu einem italienischen Soldaten zum Verhängnis wird; Penelope- eine andere Tochter- ist entstellt und wird von der Familie verborgen. Die beiden ungewöhnlichen Schwestern teilen die erzwungene Abgeschlossenheit vom (Dorf)leben. Nach dem Tod der Eltern wacht die älteste Tochter, Aspasia, über das strenge Regelwerk. Sehr gut geschrieben, traurig, aber man lernt eine Menge über Verhaltensmuster, über den Kampf um Freiheit und über Kreta.

1. Juli 2009
Ich habe in den letzten Wochen eine ganze Menge gelesen. Wie viele andere Krimi-Fans die Trilogie von Stieg Larsson: Verblendung (Band 1), Verdammnis (Band 2), Vergebung (Band 3). Gut erzählt, ziemlich brutal und vor allem eine einfühlsame und kluge Auswahl der Protagonisten. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht Lisbeth Salander, eine hochgradig gestörte junges Frau, die aussieht wie 15 und Profi-Hackerin ist. Ihre Freunde - obwohl auch abgewiesen von ihr - erke



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